Deutschland Online

21.08.2018

Starke Frauen dominieren die MTV Video Music Awards

Es war ein Abend der Frauen: Viele der wichtigsten Kategorien bei den MTV Video Music Awards gingen an Künstlerinnen. Für eher schlechte Stimmung sorgte allerdings das Gedenken an Aretha Franklin.

Rapperin Cardi B feierte bei den MTV Video Music Awards (VMAs) ihr Comeback aus der Babypause. Die 25-Jährige hatte im Juli ihr erstes Kind bekommen und war mit insgesamt zehn Nominierungen als Top-Favoritin in den Abend gegangen. Drei Preise konnte Cardi B am Ende mit nach Hause nehmen, in den Kategorien "Beste neue Künstlerin", "Song des Sommers" ("I like it") und "Beste Zusammenarbeit".

"Ich bin so glücklich, diesen Preis zu gewinnen", sagte Cardi B mit ihrer Trophäe als beste neue Künstlerin in der Hand. "Vor einigen Monaten haben mir viele Leute gesagt: 'Du spielst mit deiner Karriere, wenn du ein Baby bekommst.' Ich habe ein Baby bekommen und jetzt gewinne ich immer noch Preise." Das Rampenlicht musste sich Cardi B aber mit vielen anderen starken Frauen teilen.

Überraschungssiegerin Camila Cabello

Die kubanisch-US-amerikanische Sängerin Camila Cabello setzte sich überraschend gegen Megastars wie Beyonce, Bruno Mars und Drake durch und gewann in den Königsdisziplinen "KünstlerIn des Jahres" und "Video des Jahres". "Ich kann nicht glauben, dass das hier für mich ist", sagt Cabello mit Blick auf ihre Trophäe.

Camila Cabello

Ariana Grande durfte den Preis für den "Besten Pop" mit nach Hause nehmen, Rapperin Nicki Minaj gewann mit "Chun-Li" in der Kategorie "Bester HipHop" und lieferte in der Haupthalle des neuen World Trade Center Bahnhofs im Süden Manhattens einen aufsehenerregenden Auftritt als altägyptische Königin.

Madonna stiehlt sich ins Rampenlicht

Den größten Auftritt aber hatte Jennifer Lopez, die einen Ehrenpreis erhielt und ein Medley ihrer größten Hits auf der Bühne performte. Im Anschluss bedankte sie sich mit einer emotionalen Rede für den Preis. "Ich bin mit MTV aufgewachsen, und das hier ist wirklich eine wahnsinnige Ehre für mich", sagte die Pop-Diva.

Jennifer Lopez

Eine andere Pop-Diva, Madonna, sorgte mit ihrem Aretha-Franklin-Tribute dagegen eher für Diskussionen im Netz. In einer zehnminütigen Rede erinnerte Madonna an ihre eigenen Tage als aufstrebende Künstlerin und wie sie von Aretha Franklin inspiriert wurde. "Sie hat mich dorthin gebracht, wo ich heute bin, und ich weiß, dass sie so viele Menschen in diesem Raum beeinflusst hat", sagte Madonna.

Aretha Franklin und Madonna

Auf Twitter wurde der 60-Jährigen vorgeworfen, in ihrer Rede zu selbstverliebt gewesen zu sein und sich nicht genügend auf Aretha Franklin fokussiert zu haben. "Das Aretha Franklin-Andenken besteht daraus, dass Madonna ausführlich über sich selbst redet?", twitterte Autor Michael Arceneaux.

Die in weiten Teilen unpolitische Veranstaltung wurde stellenweise dann doch noch politisch. Chilidsh Gamino, mit bürgerlichem Namen Donald Glover, erhielt drei Preise für sein Musikvideo "This Is America", in dem er auf die Polizeigewalt gegen Schwarze aufmerksam macht. Das Video wurde eine Woche nach seiner Veröffentlichung weltweit mehr als 100 Millionen mal angesehen.

Rapper Logic und Ryan Teddar sorgten für den wohl politischsten Moment des Abends. Für ihren Song "One Day" holten sie Einwandererfamilien auf die Bühne, um gegen die Null-Toleranzpolitik von US-Präsident Donald Trump zu protestieren. "Wir sind alle menschliche Wesen", stand auf den T-Shirts der Menschen, im Hintergrund der Bühne war eine Grenzmauer zu sehen.

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20.08.2018

Ruhrtriennale präsentiert Christoph Marthalers "Universe, incomplete"

Ein großes Kunstwerk, in dem alles abgebildet ist – daran arbeitete einst der amerikanische Komponist Charles Ives. Das Werk wurde nie vollendet. Jetzt nahm sich der Schweizer Regisseur Christoph Marthaler des Themas an.

Das Universum ist unendlich. Aber ist es auch vollständig? Wo menschliches Denken in Grenzbereiche gerät, hat Charles Ives (1875-1954) seine Musik angesiedelt. Lebenslang hat den amerikanischen Komponisten das Projekt einer "Universe Symphony" beschäftigt, einer Sinfonie, die das gesamte Universum musikalisch abbilden sollte, das menschliche Leben mitsamt der Vergangenheit und in all seinen wesentlichen Aspekten, so, als würde man aus der Zukunft auf diese Existenzformen zurückblicken. Ives war klar, dass ein solches Unterfangen utopisch war. Als er 1954 starb, war sein Werk Fragment geblieben. 

Christoph Marthaler wagt den Versuch

"Für den Fall, dass es mir nicht gelingen sollte, dieses Werk zu vollenden", hatte Ives hinterlassen, "findet sich vielleicht jemand anderes, der den Versuch unternimmt, meine Gedanken auszuarbeiten. Es könnte sein, dass die von mir erstellten Skizzen viel mehr Sinn ergeben, wenn man sie aus der Perspektive von jemandem betrachtet, der nicht ich selbst bin." Dieser Jemand ist nun Regisseur Christoph Marthaler, der als "Artiste associé" der Ruhrtriennale unter Intendantin Stefanie Carp verbunden ist. 

Christoph Marthaler

"Universe, incomplete". Der Titel, unter dem Regisseur Christoph Marthaler am Freitagabend (17.08.2018) Charles Ives' Musik in die Bochumer Jahrhunderthalle brachte, gesteht den immanenten Widerspruch nicht nur des Anspruchs, sondern auch des Gedankens an sich ein. Er inszeniert die zweieinhalb-stündige Musikcollage als Utopie, als Ringen um Annäherung und in ergreifenden Bildern menschlicher Kommunikationsversuche.

Ein besonderer Ort

Die 1902 erbaute Bochumer Jahrhunderthalle liegt im Stadtteil Stahlhausen - ein Relikt des Industriezeitalters, als im Ruhrgebiet noch das stählerne Herz Europas schlug. Inzwischen ist sie längst umfunktioniert als Veranstaltungsort für Konzerte, Jahrmärkte und hochkulturelle Inszenierungen. Riesig und unüberschaubar mit ihren Trägerkonstruktionen, Brücken und Treppen, erscheint sie fast unbespielbar für ein musikalisches Theater, bei dem es um Nuancen geht. 

150 Musiker stellten sich dieser Herausforderung. Ein Jahr lang haben die darstellenden Künstler mit den Bochumer Symphonikern, den Musikern des "Rhetoric Project" und dem "Schlagquartett Köln" geprobt. Das raumakustische Konzept nutzt alle Höhen und Tiefen der riesigen Halle - mal sitzen die Perkussionisten auf einer der Stahlbrücken, mal kommt die Blaskapelle über eine Treppe aus dem Untergrund, meist sitzt das große Symphonieorchester unsichtbar in der Seitendekoration. Dirigent Titus Engel schafft es so, die Halle, in der das Publikum steil gestaffelt wie auf der Tribüne einer Sportveranstaltung sitzt, mit  Klängen zu füllen, die immer präzise blieben, seien sie voluminös oder fein oder auch kaum noch hörbar. 

Ruhr

Musikalische Collage

Nur wenige Teile der "Universe Symphony" von Charles Ives sind erhalten. Christoph Marthaler, selbst auch Musiker, und Titus Engel haben sie ergänzt durch Sätze aus den vier Symphonien von Charles Ives, durch Lieder, ein Klavierstück und einen Satz aus einem Streichquartett. Dazwischen setzen immer wieder Musikstücke, die nicht von Ives stammen, humorvolle Kontraste: Kirchenlieder, Anklänge an die Musik der "Marching Bands", die früher durch amerikanische Städte zogen, oder sentimentale Kaffeehaus-Schlager. 

Das sparsame Bühnenbild von Anna Viebrock, seit 30 Jahren engste künstlerische Begleiterin von Christoph Marthaler, schafft ein optisches Pendant zu den Weiten des Klangs. Hier eine Tribüne, dort ein paar Reihen Kirchenbänke, im Hintergrund ein unendlich langer Tisch, an der Seite eine neckische, rosa und hellblau gestrichene Brücke und zwei Bänke. In diesem raumbietenden Bild bewegen sich die Darsteller lange wie in Zeitlupe, gedämpft und mit kaum erträglicher Intensität. Wenn sie sprechen, sagen sie poetische Sätze wie, "Ich komme von einem anderen Stern", behaupten, es wüchse ihnen ein Pilz im Nacken und die Füße seien im Boden verwurzelt. "Mein Herz aber schlägt." 

Ruhrtriennale2

Der melancholische Grundton wird immer wieder durch feinen Humor gebrochen, etwa, wenn verschiedene Darsteller lange philosophische Passagen dada-sprachlich effektvoll vortragen, nur um am Ende klanglich in einer babylonischen Kakophonie zu verschmelzen. Oder wenn ein Tubaspieler wie ein Clown auf der Bühne hin und her irrt und sich nicht entscheiden kann, welchem Orchester er zugehören will. Verstehen muss man das alles nicht, aber spüren, wie die Sehnsucht nach Vergangenem und der mutige Möglichkeitssinn miteinander verschmelzen.

Der Abend endet auf einer hochemotionalen Note mit Charles Ives' bekanntestem Stück "The Unanswered Question". Dem Sog, den diese utopieschwangere Inszenierung unbeantworteter Fragen in wunderschönen Klängen, Bildern und Bewegungen erzeugt, kann man sich nicht entziehen. 

Später wird man vielleicht sagen. "Ich war bei der Premiere von Marthalers 'Universe, incomplete' dabei." Künstlerisch hat diese seit einer Woche laufende Ruhrtriennale auf jeden Fall schon großartige und sicherlich bleibende Werke hervorgebracht. 

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14.08.2018

Linkshändertag: Musiklegenden, die es mit links tun

Kurt Cobain, Jimi Hendrix, Phil Collins: allesamt Musiklegenden - und Links- oder Beidhänder. Über Menschen, die nicht alles nur mit rechts erledigen, gibt es viele Mythen. Wir schauen, was dran ist.

Man könnte meinen, Links- oder Beidhänder hätten heute keine Probleme mehr mit Diskriminierung, immerhin wird Linkshändigkeit nicht mehr wie früher mit kruden Methoden "korrigiert". Wie sieht es in der Musikszene aus, wo die Hände neben den Ohren das wichtigste Werkzeug sind?

Gibt es nur Rechts- und Linkshänder?

Die Zahlen scheinen für sich zu sprechen: Linkshänder machen zehn bis zwölf Prozent der Menschen aus, der Rest sind Rechtshänder. Doch diese Erhebungen lassen die beidhändigen Menschen aus. Ein Mensch kann durchaus zum Beispiel als Linkshänder geboren werden und lernen mit rechts zu schreiben, wie der legendäre Grunge-Musiker Kurt Cobain. Somit gehörte er zur Gruppe der Beidhänder (Ambidexter). Beidhändern ist es oft ziemlich egal, ob sie mit links oder rechts schreiben - beides geht.

Sind Beidhänder Alleskönner?

Nicht unbedingt. Bei manchen Wissenschaftlern hält sich von ihnen zumindest ein ähnlich negatives Bild wie früher bei Linkshändern. Erst 2006 ergab eine weltweite Studie mit 25.000 Probanden, dass Beidhänder angeblich ein geringeres räumliches Vorstellungsvermögen haben und anfälliger seien für Legasthenie und Hyperaktivität als Menschen mit starken Handpräferenzen. Die Unterstützer dieser These sprechen von "verwirrten Gehirnhälften." Einziger Fakt zu dem Thema ist: Die Händigkeit ist bis heute sehr ungenügend erforscht.

Mit beiden Händen schreiben, spielen und essen können – das muss doch für irgendetwas gut sein?

Gerade bei der Musik sind Beidhänder natürlich klar im Vorteil. Eine Studie der Universität Toledo ergab in den 1990ern, dass es für Streicher besser sei, beidhändig zu sein. Bei Violine, Cello und Co. müssen linke und rechte Hand - also entsprechend die rechte und die linke Gehirnhälfte - eng zusammenarbeiten. Das fällt Menschen besonders leicht, die nicht ihr ganzes Leben entweder Rechts- oder Linkshänder waren.

Viele klassische Musiker werden sogar erst durch die Musik zu Beidhändern. Das fand das Hannover Music Lab bei einer Untersuchung linkshändiger Streicher heraus. Die Wissenschaftler stellten fest, dass ausnahmslos alle Linkshänder Violine und Cello mit rechts bespielen - sonst wird es eng im Orchestergraben. Doch Ausnahmen gibt es: Einer der wenigen klassischen Violinisten, der öffentlich linkshändig spielt, ist der norwegische Musikpädagoge Terje Moe Hansen.

Charlie Chaplin

Linkshänder im Orchester müssen sich also der Mehrheit beugen?

Auch mit diesem Mythos hat das Music Lab aufgeräumt. Sicher gibt es einzelne Musiker, die sich beschränkt fühlen durch den Zwang des Orchesters. Doch die Forscher schreiben, dass Linkshänder mit der rechten Hand wesentlich präziser Töne anschlagen können - sie hätten die Schwäche der rechten Hand durch jahrelanges Training wettgemacht. Unter den Streichern gibt es 35 Prozent Linkshänder - wohl kaum würden so viele Linkshänder mit Geigenunterricht anfangen, wenn sie ihr Leben lang dem Zwang der Rechtshänder unterworfen wären. Warum es unter manchen Musikergruppen so viele Linkshänder gibt, ist bis heute unklar.

Und was machen die Linkshänder, die gar nicht mit rechts spielen wollen?

Bei Instrumenten wie Orgel und Klavier haben sie Pech - es gibt sie kaum als reine Linkshänder-Ausführungen. Gitarren, Bässe und Violinen können jedoch in entsprechender Ausführung gekauft werden. Wegen der geringeren Nachfrage sind diese oft teurer, was indirekt wieder zu Diskriminierung führt. Jimi Hendrix, der bekannteste linkshändige Gitarrist, behalf sich selbst: Er zog die Saiten ab und spannte sie in umgekehrter Folge auf seine Gitarre.

The Beatles

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13.08.2018

"A Land Imagined" aus Singapur gewinnt Goldenen Leoparden von Locarno

Der Film "A Land Imagined" aus Singapur hat den Goldenen Leoparden von Locarno gewonnen. Der Preis für den besten Debütfilm ging an "Alles ist gut", den ersten Spielfilm der deutschen Regisseurin Eva Trobisch.

Dass sich dieser Film durchsetzt, ist eine Überraschung. Der Goldene Leopard des 71. Internationalen Filmfestivals von Locarno geht nach Singapur - das gab die Jury unter Vorsitz des chinesischen Regisseurs Jia Zhang-ke bekannt. "A Land Imagined" von Regisseur Yeo Siew Hua aus Singapur ist eine Mischung aus Thriller, Lovestory und Baustellenreport. Der Film, der von Produzenten aus Singapur, Frankreich und den Niederlanden finanziert wurde, erzählt - desillusionierend in seiner Darstellung - eine Geschichte über moderne Sklaverei, über die ausbeuterischen Arbeitswelten Asiens. 

Andra Guti und KI Joobong als beste Schauspieler geehrt

Andra Guti

Unerwartet auch die Auszeichnung der besten Schauspielerin auf dem nach Berlin, Cannes und Venedig wichtigsten Filmfestival: Die junge rumänische Debütantin Andra Guti setzte sich hier durch - für ihre Rolle als rebellischer Teenager in "Alice T." (Rumänien/Frankreich/Schweiz).

Als Favoritinnen waren die US-Amerikanerin Mary Kay Place ("Diane") sowie die Türkin Damla Sönmez ("Sibel") gehandelt worden. "Sibel" ist eine auch mit deutschem Geld realisierte internationale Gemeinschaftsproduktion der Regisseure Cagla Zencirci und Guillaume Giovanetti.

Als bester Schauspieler - das war erwartet worden - wurde der Südkoreaner KI Joobong prämiert. Er bekam den Preis für seinen Part als alternder Dichter in "Das Hotel am Fluss" (Südkorea).

Der Spezialpreis der Jury ging an den einzigen Dokumentarfilm im Hauptwettbewerb: In "M" beleuchtet Regisseurin Yolande Zauberman das Problem des Kindesmissbrauchs in einer ultraorthodoxen Gemeinschaft in Israel. Und das fern jeder Sensationsgier. Der Preis für die beste Regie ging überraschend an die Chilenin Dominga Sotomayor. Sotomayors Gesellschaftspanorama "Zu alt, um jung zu sterben" blickt in die 90er Jahre zurück.

"Alles ist gut" gewinnt Nachwuchspreis

Auch Deutschland kann sich über einen Erfolg beim Festival im kleinen Ort in der italienischsprachigen Schweiz freuen. Der Preis für den besten Debütfilm im Wettbewerb der Sektion "Cineasti del presente" ("Filmemacher der Gegenwart") ging an "Alles ist gut". In ihrem ersten Spielfilm spiegelt Regisseurin Eva Trobisch darin feinfühlig das Leben einer jungen Frau in einer existenziellen Krise. Der deutsche Wettbewerbsbeitrag "Wintermärchen" von Jan Bonny ging dagegen leer aus. Er hatte zu den Favoriten auf den Goldenen Leoparden gehört.

Alles ist Gut

"BlacKkKlansman" am beliebtesten beim Publikum

"BlacKkKlansman" von Spike Lee gewann den begehrten Publikumspreis. Zur Wahl standen hier Filme, die außerhalb aller Wettbewerbe in abendlichen Freiluftaufführung auf Locarnos Piazza Grande gezeigt wurden. Für die auf Tatsachen beruhende Anti-Rassismus-Satire hatte der populäre US-Regisseur im Mai dieses Jahres bei den Internationalen Filmfestspielen in Cannes bereits den Großen Preis der Jury bekommen.

A land imagined

Im zentralen Wettbewerb des Festivals am Schweizer Ufer des Lago Maggiore hatten sich 15 Beiträge aus aller Welt um den Goldenen Leoparden und die anderen Preise beworben. Viele der Filme überzeugten mit starken Geschichten und formaler Klasse. 2017 hatte die Dokumentation "Mrs. Fang" des chinesischen Regisseurs Wang Bing den Goldenen Leoparden bekommen.

Sollte das in den letzten Tagen sehr wechselhafte Wetter mitspielen, wird die Gala zur Preisverleihung am Samstagabend vor mehr als 8000 Zuschauern auf der malerischen Piazza Grande unter freiem Himmel stattfinden.

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10.08.2018

Nazis und Märchen: Der deutsche Wald und seine mythische Geschichte

Der Versuch, unser Verhältnis zum Wald zu ergründen, zeigt, dass Gier und Ehrfurcht nah beieinander liegen. Zwar sieht er heute ganz anders aus als zur Zeit von Grimms Märchen. Voller Mythen steckt er aber trotzdem noch.

Es gibt nur wenige Orte in Deutschland, wo der Mythos Wald so präsent ist wie am Arbeitsplatz von Erik Aschenbrand. Der Naturpark Reinhardswald, den Aschenbrand leitet, ist eines der Herzstücke der deutschen Märchenstraße, auf der man auf 600 Kilometern all die Orte abwandern kann, die laut Überlieferung Heimat für Prinzessinnen, Trolle, Geißlein und Kobolde sind.

Ringsum Aschenbrands Wald haben die Gebrüder Grimm viele ihrer Märchen gesammelt. Auch das von Dornröschen, das hier ganz in der Nähe, umgeben von einer dornigen Hecke, hundert Jahre geschlafen haben soll, bevor ein mutiger Prinz es wach küsste. Oder jenes von Rapunzel, die, eingesperrt in einem Turm in der Nähe, ihr goldenes Haar herab zu ihrem Retter ließ.

Die Sababurg in Hessen

Die Grimms haben aufgeschrieben, was vor ihnen lange Zeit mündlich weitergegeben wurde. Wie viel Wahrheit darin steckte, ist nebensächlich. Wichtig ist die Geschichte und das Erzählen. Und der dunkle Wald spielt in vielen dieser Überlieferungen eine entscheidende Rolle.

Aschenbrand verweist auf Hänsel und Gretel. "Die werden in den Wald geschickt", erklärt er. "Im Wald lauert die Gefahr in Form der bösen Hexe. Aber die beiden überwinden diese Gefahr und kommen glücklich aus dem Wald wieder heraus." Der finstere Wald sei der wilde Raum, der gefährliche Raum, in dem man sich mit Herausforderungen auseinandersetzen müsse.

Wie 'böse' der Wald wahrgenommen wird, hängt stark von der Perspektive des Betrachters ab. Für Menschen, die im und vom Wald leben, ist er nicht finster. Für die, die außerhalb leben, schon.

albero sopra casa

Der Ursprung

"Der Schwarzwald heißt nicht Schwarzwald, weil er dunkle Schatten wirft", erklärt Uwe Schmidt, Professor für Wald- und Forstgeschichte an der Universität in Freiburg. "Wenn man sich Gemälde aus dem Mittelalter anguckt, springt einem die Waldfeindlichkeit förmlich entgegen. Da wird der Wald gar nicht gemalt, weil er „schwarz", also unzivilisiert und siedlungsfeindlich ist. Stattdessen sind die Hintergründe mittelalterlicher Gemälde in Gold gefasst, der Farbe der Reinheit und Unvergänglichkeit."

Ganz im Gegensatz zu heutigen Städten, in denen Grünflächen und Bäume von den Bewohnern sehr geschätzt werden, war die Natur in den Siedlungszentren des Mittelalters nicht willkommen. So gab es im Freiburg des Mittelalters beispielsweise so gut wie keine Bäume und das, obwohl die Stadt mitten im Schwarzwald liegt, so Schmidt.

Nur als Ressource waren die Bäume gut. Sie bedeuteten eine scheinbar unbegrenzte Quelle für Holz und wurde radikal ausgebeutet. Spätestens im Zeitalter des Barock wird deutlich, dass es so nicht geht.

muschio su tronco

Aufschwung, Ausbeutung, Umdenken

Denn im späten 16. bis 18. Jahrhundert wuchsen die Städte, der Handel blühte, Paläste und Schlösser wurden größer und prunkvoller. Vor allem die Händler und Handwerker versuchten, ihr Vermögen zu mehren und der Wald wurde zum Hauptenergielieferanten.

Im 18. Jahrhundert wurden bis zu zehn Millionen Kubikmeter Holz pro Jahr für neue Dachstühle, Schiffsrümpfe und für die Holzkohlenherstellung geschlagen, sagt Schmidt. Letztere hält die ersten industriellen Betriebe am Laufen, denn Steinkohle war im großen Stil noch nicht einsetzbar und zu transportieren.

Das war nicht nachhaltig und mit den Jahrzehnten litt der Wald mehr und mehr, vor allem in der Nähe größerer Gewerbezentren und Städte. Damit wurde er ein Thema für die Romantiker.

Der verletzte Wald und die Romantik

Angetrieben durch die neu erwachte Liebe zur Natur, besangen sie den Wert des Waldes und entdeckten die armen Leute, die schon immer im und mit dem Wald gelebt hatten, für sich.

In diesem Milieu sammelten die Grimms ihre Märchen, ob die nun in Aschenbrands Reinhardswald erzählt wurden oder im Spessart, Hameln oder Bremen. Es waren Geschichten, die ein bisschen düster, ein wenig schaurig und sicher fremd für die Städter waren.

musicanti di brema

So ähnlich ist es auch heute noch, wenn Menschen aus der Großstadt die Natur als Rückzugsort entdecken, sagt Aschenbrand. Etwa, wenn es um das Anlegen von Naturschutzgebieten geht.

"Die Städter haben einen völlig anderen Blick auf die Natur, als die Leute, die vor Ort sind." Damals, zu Beginn der Industrialisierung im 18. Jahrhundert, und auch heute waren und sind Städter auf der Suche nach einer heilen Welt. "Sie wollen den Wald als Gegenwelt zu ihrer Stadt sehen", so Aschenbrand.

Aufgeladener Mythos und eine Energiewende

Der Waldforscher Schmidt spricht sogar von einer "Wald-Verherrlichung". Wald und Bäume würden in der Romantik mit Symbolen aufgeladen. Und es ist auch die Zeit, in der die geschlagenen Lücken wieder aufgefüllt werden. "In der Romantik werden Pionierbaumarten gepflanzt. Das waren in erster Linie Fichten im Südwesten und Kiefern in Norddeutschland", sagt Schmidt.

Diese Bäume ändern nicht nur das Erscheinungsbild des Waldes, sondern auch das Ansehen von allem, was mit ihm zusammenhängt. Ende des 19. Jahrhunderts wird der Förster zunehmend als Traumberuf gesehen. Es gebe sogar Statistiken darüber, wie viele Männer Förster werden wollen und wie viele Frauen Förster heiraten wollten, so Schmidt. "Der Wald bekommt, auf breite Masse gesehen, eine sehr gute Reputation."

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Durch das Dickicht der Geschichte

Im Nationalsozialismus schließlich wird der Wald ideologisch aufgeladen. Die innige Verbindung der Deutschen zum Wald kommt dazu, angeblich vorhanden seit der Varusschlacht im Teutoburger Wald, wo der Germane mit seinem Verbündeten, dem Wald, die Römer besiegen konnte. Für die Nazis sind deutscher Wald und deutsches Volk eine Einheit. Und natürlich geht es um Ausgrenzung: Juden, hieß es damals, seien als Steppenvolk nicht fähig, die deutsche Waldkultur zu verstehen, so Schmidt.

Nach dem Ende des Krieges nutzten die Menschen den Wald, um den Krieg zu vergessen. "Der Wald, die Natur, haben sich schneller regeneriert als zerbombte Städte", so Schmidt. Unter Bäumen ließen sich Zerstörung und Desaster zumindest für eine gewisse Zeit vergessen. "Dass der Wald vorher von den Nationalsozialisten für ihre Ideologie missbraucht worden war, war vergessen; der Wald hatte eine eigene Wertigkeit."

bosco innevato

Und wertvoll blieb er auch in den nachfolgenden Jahrzehnten. Der Wald stand gesellschaftlich so hoch im Kurs, dass man sich in den 1980er Jahren ernsthaft Sorgen um seinen Erhalt machte.

"Als das Phänomen des Waldsterbens aufkommt, wird dies nicht nur in Wissenschaftskreisen diskutiert und behandelt, sondern in allen Gesellschaftsschichten wahrgenommen", sagt Schmidt. Als großflächige Schädigungen an Baumwipfeln und Wurzeln auftraten, wurden "regelrechte Endzeitszenarien entworfen, wie der Wald in zwei oder drei Dekaden in Deutschland aussehen werde." Das habe zu einem immer stärkeren Umweltbewusstsein geführt. Die Menschen begannen, sich den Folgen ihrer Wohlstandsgesellschaft bewusst zu werden.

Und das, resümiert der Waldforscher, "zeigt, dass der Wald stets ein Spiegel der Gesellschaft ist. Die deutsche Geschichte ist ein exzellentes Beispiel dafür, welche vielfältige Funktionen der Wald haben kann und welchen gesellschaftlichen Wert er besitzt."

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09.08.2018

Wie gemein sind Katzen?

Katzen quälen Mäuse zu Tode, spielen mit ihren Opfern und ignorieren uns, obwohl wir so gut zu ihnen sind. Was Katzenhasser ihnen eigentlich vorwerfen: dass sie anders sind als Hunde. Das aber hat durchaus einen Grund.

Es gibt Tage, da wünschen sich auch die überzeugtesten Katzenhalter, sie hätten sich einen Hund zugelegt. Etwa, wenn sie nach einem Urlaub nach Hause kommen und nicht mit überschwänglicher, schwanzwedelnder Freude willkommen geheißen werden. Wie gut täte das doch dem Ego!

Stattdessen hofft man als Katzenbesitzer, dass die Katze zumindest bemerkt, dass man zurück ist. Und vor allem nicht beleidigt ist, weil man sie so lange alleine gelassen hat. Hat man Glück, streicht die Katze einem ein paar Mal um die Beine.

Völlig schnuppe – oder doch nicht?

"Hunde haben Herrchen, Katzen haben Personal", heißt es. Hunde hingen an ihren Besitzern, Katzen lediglich an einem Ort. Aber das sieht Dennis Turner nicht so. Er ist ein schweizerisch-US-amerikanischer Biologe, der über die Beziehung zwischen Mensch und Hauskatze forscht, und Direktor des von ihm gegründeten Instituts für angewandte Ethologie und Tierpsychologie in Horgen bei Zürich ist.

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"Katzen, die als Jungtiere an Menschen sozialisiert wurden, bauen echte soziale Beziehungen zu ihren Haltern aus und betrachten sie nicht nur als Dosenöffner", sagt er gegenüber der DW. "Sie vermissen ihren Halter, zum Beispiel während eines Ferienaufenthalts - auch wenn sie ihm vielleicht bei der Rückkehr erst die kalte Schulter zeigen."

Im Jahr 2015 zeigte eine Studie, dass die emotionale Bindung von Katzen an ihre Besitzer anders ist als die von Hunden. Alice Potter und Daniel Simon Mills von der University of Lincoln im Vereinigten Königreich untersuchten 20 Katzen und ihre Besitzer mit einer Methode, die eigentlich für kleine Kinder entwickelt wurde.

Die Methode namens Fremde-Situations-Test überprüft, ob sich das Kind sicher an seine Mutter gebunden fühlt, was beim Menschen auf eine gesunde Entwicklung hinweist. Auch bei Hunden ließ sich diese Art der Bindung an ihre Halter nachweisen.

Katzen und ihre Besitzer fielen bei dem Test aber durch. "Diese Ergebnisse stimmen mit der Auffassung überein, dass erwachsene Katzen typischerweise ziemlich selbstständig sind, selbst in ihren sozialen Beziehungen", schreiben die Autoren in 'Plos One'. "Katzen brauchen niemand anderen, um ein Gefühl der Sicherheit zu haben."

Das bedeute allerdings nicht, dass Katzen generell keine Bindungen zu ihren Besitzern knüpften, fügen Potter und Mills hinzu.

Alleine statt mit mehreren

Dass Katzen so anders sind als Hunde - und damit auch ihre Beziehung zum Menschen - hat einen einfachen Grund: "Katzen sind ursprünglich Einzelgänger und unabhängig", erklärt Dennis Turner. Sie leben nicht in großen Rudeln mit klarer Sozialstruktur wie die Vorfahren der Hunde, die Wölfe.

Der Vorfahre der Hauskatze ist die Falbkatze (Felis silvestris lybica), auch Afrikanische Wildkatze genannt. Diese Unterart kommt in Nordafrika, auf der arabischen Halbinsel bis ans Kaspische Meer vor. Sie ist nur wenig aggressiv und daher leicht zu zähmen. Die Domestizierung begann vermutlich schon vor etwa 9500 Jahren auf Zypern, berichteten französische Forscher im Fachmagazin 'Scienze'.

Die afrikanische Wildkatze frisst nur kleine Tiere: Mäuse, Ratten, Vögel und Reptilien. Daher jagt sie allein. Wie auch die meisten großen Raubkatzen braucht sie die Hilfe ihrer Artgenossen nicht. Einzige Ausnahme sind die Löwen: Sie leben wie Wölfe in Rudeln, jagen und fressen gemeinsam - für Katzen extrem ungewöhnlich.

Freilebende Katzen bilden zwar größere Gruppen von bis zu einigen Dutzend Tieren, die gemeinsam Eindringlinge aus ihrem Gebiet vertreiben. Sie bauen auch soziale Beziehungen zu anderen Katzen auf. Aber im Grunde genommen verlässt sich jeder nur auf sich selbst. So leben sie bereits seit Tausenden von Jahren - Domestizierung hin oder her.

Unterwerfen? Nee!

"Durch die Sozialisation während der ersten zwei bis acht Wochen werden Katzen sozial und freiwillig anhänglich", sagt Turner. Wie zahm eine Katze Menschen gegenüber wird, hängt von ihren Erfahrungen zu Beginn ihres Lebens ab, schrieb der inzwischen verstorbene Patrick Bateson von der University of Cambridge in seinem Buch 'The Domestic Cat: The Biology of its Behaviour'. Bateson hat lange Zeit an Katzen geforscht.

Auch der Charakter des Vaters beeinflusse, wie freundlich sich eine Katze Menschen gegenüber verhält. Da viele Kätzchen ihren Vater niemals zu Gesicht bekommen, vermutet man, dass Zahmheit auch vererbt wird.

"Katzen behalten aber ihre Unabhängigkeit, was die meisten Katzenhalter sehr an ihnen schätzen", fügt Turner hinzu. Egal wie freundlich sie sind: Sich des lieben Frieden willens zu unterwerfen, liegt Katzen fern. Wenn ihnen etwas nicht passt, dann wehren sie sich - notfalls mit Kratzen und Beißen.

Als Einzelgängern fehlt Katzen auch das vielfältige Kommunikationsrepertoire, das Hunde als Rudel-Mitglieder haben. Dass es ihnen nicht gut geht, zeigen sie dann etwa dadurch, dass sie in die Wohnung urinieren. Dieses Protestpinkeln signalisiert, dass sie Stress haben. Denn Katzen sind starke Gewohnheitstiere, mit Veränderungen kommen sie nicht gut klar. Viele interpretieren das Verhalten falsch und sagen, die Katze sei beleidigt oder sauer.

Warum tötet sie die arme Maus nicht einfach?

Katzen haben vor allem aus einem Grund den Ruf, grausam zu sein: Sie haben den Hang, mit Mäusen und anderen Beutetieren zu spielen, bis diese vor lauter Angst total kirre sein müssen.

"Katzen sind opportunistische Jäger. Sie müssen jederzeit bereit sein, zufällig entdeckter Beute nachzupirschen und sie zu fangen - auch, wenn sie gerade keinen Hunger haben", erklärt Turner. Durch Spielen mit dem lebenden Beutetier löse die Katze diesen inneren Konflikt: Sie werde erregt und könne dann den Tötungsbiss anwenden. "Es wirkt grausam, ist aber ein notwendiger Vorgang, der von der Evolution selektiert wurde."

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Schon in den 1970er Jahren untersuchten Forscher das Phänomen, warum Katzen mit ihren Beutetieren spielen, statt sie sofort zu töten.

Je größer und gefährlicher die Beute, desto länger spiele die Katze damit, berichtete Maxeen Biben von der University of North Carolina in Chapel Hill, USA, im Fachblatt 'Animal Behaviour'. Ratten bleiben also länger am Leben als Mäuse.

Biben vermutete damals, dass Katzen einfach vorsichtig sind: Je größer die Beute ist, desto gefährlicher kann sie auch der Katze werden. Daher tasteten sich Katzen quasi langsam heran und gingen auf Nummer sicher, bevor sie dem Tier so nahe kommen, dass sie es per Biss töten können. Biben fand auch, dass die Katze umso schneller tötet, je hungriger sie tatsächlich ist.

Menschen neigen dazu, Tieren menschliche Eigenschaften zuzuschreiben. Dabei ist das typische Verhalten der Katze lediglich ihre Art, sich als Einzelgänger durchs Leben zu schlagen - so wie es sich im Laufe der Evolution nun mal bewährt hat.

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08.08.2018

Europas Flüsse sollen wiederbelebt werden

30.000 Dämme sollen in der EU entfernt werden, das fordert eine NGO. Die Ökologie der Flüsse geht sonst kaputt, Tiere verlieren ihren Lebensraum. Nur noch ein Prozent der Gewässer in Europa fließt frei.

60 Prozent der Oberflächengewässer in Europa sind in einem mangelhaften ökologischen Zustand. Das ist das Ergebnis des aktuellen Berichts der Europäischen Umweltagentur zur Wasserqualität in Europa. Grund für die unzureichende Qualität sind laut der Initiative Dam Removal Europe und der Organisation AMBER (Adaptive Management of Barrieres in European Rivers) Hindernisse in Flüssen. Diese Hindernisse sind Dämme und Wehre in jeglichen Größen - von 50 Zentimetern Höhe bis hin zu über 30 Metern ist alles dabei.

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Der mangelhafte Zustand der Gewässer beruhe auf der massiven Zerstückelung von Flüssen, argumentieren die Aktivisten. Laut der Initiative, zu der etwa der World Wide Fund for Nature (WWF) oder die World Fish Migration Foundation gehören, fließen inzwischen weniger als ein Prozent der Flüsse in Europa frei.

Für Fische bedeutet das, alle paar Meter auf Hindernisse zu treffen. Sie können bestimmte Regionen nicht mehr erreichen und müssen neue Laichplätze finden. Das macht den Tieren das Leben schwer. Lachse und Störe sind aus ganzen Regionen verschwunden, klagt Pao Fernandez Garrido von der World Fish Migration Foundation. Bald könnten sie in freier Wildbahn europaweit zu den bedrohten Tierarten gehören. 

Auch der Boden leidet unter den Dämmen im Wasser. Sedimente und dadurch Nährstoffe bleiben an den Wehren hängen, die Folge: Es bilden sich weniger Flussdeltas, weil dafür notwendige Sedimentablagerungen fehlen. Außerdem braucht ein Fluss eine Menge Energie, um Sedimente von A nach B zu transportieren. Bleiben die Sedimente im Stauwehr hängen, führt die überflüssige Kraft des Wassers zu schnelleren Erosionen durch den Fluss. Salopp formuliert macht sich der Fluss breit. Er nimmt bei Seitenerosionen das Ufer für sich ein und bei Sohlenerosionen erschließt er neue Tiefen. Für den Menschen kann das bedeuten, dass Äcker unter Wasser stehen oder Straßen instabil werden.

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Die Natur leidet unter den Dämmen

Der Verlust von Biodiversität und natürlichen Habitaten machen den Mitgliedern der "Dam Removal Initiative" am meisten Sorgen. Fischarten sterben aus, weil ihnen der Lebensraum entzogen wird oder sich so sehr verändert, dass er nicht mehr von ihnen bewohnt werden kann.

Aber die Umweltschützer haben einen Plan: Sie fordern die europäischen Staaten auf, 30.000 Dämme aus den Flüssen zu entfernen. Die Natur soll wieder Raum für sich bekommen. Das Wiederbeleben der Flüsse ist ihr Ziel. 

Das ganze ist indes ein kompliziertes Unterfangen, denn "jeder einzelne Standort von Dämmen und Wehren [muss] naturräumlich, gesellschaftlich und auf Besitzverhältnisse geprüft werden ..., bevor er gebaut oder entfernt werden kann", sagt Andreas Roth vom Wasserkraftwerks-Anlagenbauer Hydro-Energie-Roth. Er baut Wasserkraftanlagen, bei denen er großen Wert darauf legt, dass Fische die Flüsse weiterhin passieren können, etwa über Fischtreppen oder - Lifte.

Die Dämme, welche die Dam Removal Initiative gerne zurückbauen lassen würde, gelten übrigens als nutzlos. Das heißt, sie erzeugen weder Energie, noch schaffen sie Wasserspeicher oder Trennen Flussgebieten sinnvoll ab. Trotzdem verursachen sie weiterhin Kosten, sie müssen inspiziert und gegebenenfalls repariert werden.

Bei den größeren Dämmen überwachen darüber hinaus dauerhaft Sensoren ihre Stabilität. In Deutschland müssen Staudämme nach den Regeln des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe mindestens einmal im Jahr begangen und ihr Zustand dokumentiert werden.

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Ungenutzte Dämme machen Miese

Das Vorhaben der Initiative ist also nicht nur gut für die Umwelt, sondern soll auch für den Geldbeutel sein. Denn die wirtschaftlichen Einbußen, die dadurch entstehen, dass Fischer in den Zonen vieler Dämme nicht fischen können sind oft noch größer als die Wartungskosten der Dämme selbst. 

Der Wasserkraftwerks-Spezialist Andreas Roth ist dafür, Fließgewässer durch Umbau wieder in einen naturnahen Zustand zu versetzen. Er mahnt jedoch, dass viele sich oft die Natur zurückwünschen, dabei aber gar nicht wissen, wie diese vor den verbauten Wehren und Dämmen aussah. In Zentraleuropa, beispielsweise, gibt es eine so hohe Bevölkerungsdichte, dass Hindernisse nicht einfach ohne Folgen entnommen werden können. Das bedarf einer gründlichen Planung.

Allein in Deutschland gibt es 300 Staudämme die höher sind als 15 Meter. Hinzu kommen unzählige kleinere, die eine drei-Meter-Marke nicht überschreiten. Letztere wurden in bisherigen Zählungen nicht berücksichtigt. Deshalb gibt es keine vollständige Karte von Staudämmen und Wehren in Europa. Weder die Bundesregierung noch die EU haben eigene Zahlen darüber, wo wie viele Dämme stehen. Deswegen hat AMBER nun begonnen, eigene Karten zu erstellen.

Sind Staudämme sicher?

In die Jahre gekommene Staudämme sind weltweit ein Problem. Immer wieder gibt es Geschichten von einbrechenden Dämmen oder welchen, die kurz davor stehen. Mossul im Irak lebt dauerhaft mit dieser Gefahr. Dort wurde auf Kalkstein gebaut, der jetzt instabil wird.

Was bei einem Dammbruch passieren kann zeigte sich im zentralchinesischen Banqiao 1975. Nach einem Taifun kam es zu dem wohl größten Staudamm-Unglück der Menschheitsgeschichte. Durch Überschwemmungen und folgende Epidemien und Hungersnöte kamen nach unterschiedlichen Schätzungen zwischen über 100.000 und 300.000 Menschen ums Leben.  

Vor ein paar Tagen ist in Laos ein Staudamm eingebrochen und hat dabei etliche Menschen in den Tod gerissen. Der Damm war jedoch noch im Bau.

paese sommerso

"Das Risiko eines Dammbruchs in Deutschland wird als sehr gering eingeschätzt", berichtet dagegen der leitende Regierungsdirektor Wolfram Geier vom Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK). Hinzu kommt, dass "gerade die älteren deutschen Talsperren und Dämme mit dem Paradigma gebaut worden sind: Lieber noch eine Sicherheitsschippe drauf". Das ist bei den meisten Dämmen in Europa so. 

Das Programm der Dam Removal Initiative zielt darauf ab, der Natur wieder ein Stück Freiheit zu geben, sich so zu entwickeln wie nur sie das kann. Das ist auch dem Kraftwerksbauer Roth ein Anliegen: "Jede Energienutzung, auch die Hydroenergie, wird irgendwo einen negativen Effekt haben", sagt er. Ihm ist es wichtig, die negativen Effekte von Staudämmen klein zu halten und dort Dämme und Wehre zu entfernen wo sie keinen Nutzen mehr erfüllen. Die Initiative AMBER, an der er nicht beteiligt ist, habe dafür den Grundstein gelegt, in dem sie Informationen zu den "Hindernissen" sammle und publik mache.

Quelle

 

 

 

07.08.2018

Klimawandel begrenzen, um Arten zu schützen

Naturschützer kämpfen dafür, Arten vor dem Aussterben zu bewahren. Klimaschutz ist möglicherweise eine Schlüsselmaßnahme. Er könnte die Tiere bewahren, von denen wir am abhängigsten sind.

Die rote Liste der gefährdeten Arten weltweit wird von Jahr zu Jahr länger. Momentan listet die Weltnaturschutzunion IUCN 5583 vom Aussterben bedrohte Tier- und Pflanzenarten, inklusive Unterarten. Weitere 20.000 Arten gelten als gefährdet oder stark gefärdet.

Viele Tierarten sind bedroht, weil sie gejagt oder gewildert werden. Darunter die Schuppentiere: ihr Fleisch und ihre Schuppen sind in China heiß begehrt, als Delikatesse beziehungsweise für die traditionelle chinesische Medizin. Alle acht Schuppentierarten sind bedroht, einige stehen kurz vor dem Aussterben. Inzwischen ist der Handel mit ihnen laut CITES zwar verboten, aber der illegale Handel geht weiter.

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Heimatlos

Viele andere Arten leiden vor allem unter Lebensraumverlust. Alle drei Orang-Utan-Arten etwa sind vom Aussterben bedroht, weil immer mehr Bäume in den Wäldern, in den sie leben, gefällt werden, um Platz für Palmölplantagen zu schaffen.

Aus Streuobstwiesen werden Neubaugebiete, und Gartenteiche werden zugeschüttet, um an ihrer Stelle eine Grillecke zu errichten - in unserer modernen Welt haben viele Tiere und Pflanzen einfach keinen Platz mehr.

Der Klimawandel wird die Lage noch weiter verschlimmern. Denn Arten, die an die Savanne angepasst sind, können nicht überleben, wenn sich ihre Heimat zur Wüste umwandelt. "Jede Art bevorzugt ein ganz bestimmtes Klima", sagt Rachel Warren von der Universität East Anglia im britischen Norwich, gegenüber der DW. "Wir mögen es ja auch nicht, wenn es zu heiß, zu kalt, zu nass oder zu trocken ist."

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Warren und ihre Kollegen in East Anglia sowie an der James-Cook-Universität in Australien nahmen 115.000 Arten rund um den Globus unter die Lupe. Sie schauten sich deren Lebensraum an und wie er sich in einer wärmer werdenen Welt verändern wird. Selbst ein Unterschied von 0,5 Grad Celsius kann eine Frage von Überleben oder Aussterben sein, schreiben sie am Donnerstag in "Science".

Das Übereinkommen von Paris will die Erderwärmung auf unter 2 Grad Celsius gegenüber vorindustriellen Werten begrenzen, wenn möglich sogar auf 1,5 Grad. "Dieses ultimative Ziel des Paris-Übereinkommens von 1,5 Grad würde für die Biodiversität enorme Vorteile bedeuten", sagt Rachel Warren.

Ein halbes Grad Unterschied

Die Forscher untersuchten drei Szenarios: eine Erderwärmung von 1,5 Grad, 2 Grad und von 3,2 Grad Celsius. Auf letzteren Wert laufen wir derzeit zu, wenn alle Länder ihre international abgegeben Versprechen in punkto CO2-Emissionsreduktion einhalten.

Nach derzeitigem Verlauf würden bis zum Jahr 2100 etwa 49 Prozent aller Insekten, 44 Prozent aller Pflanzen und 26 Prozent aller Wirbeltiere die Hälfte ihres Lebensraum verlieren. Beschränkt sich die Erderwärmung auf 2 Grad Celsius, wären es noch 18%, 16% beziehungsweise 8%. Und bei einer Erwärmung von 1,5 Grad Celsius erniedrigt sich die Zahl der betroffenen Arten auf 6% der Insekten, 4% der Pflanzen und 4% der Wirbeltiere. In dem Fall hätte quasi der Großteil der weltweiten Arten Glück gehabt.

"Die aktuelle Studie bestätigt frühere Erkenntnisse, dass der Klimawandel die Biodiversität bedroht", sagt Tiffany Knight vom deutschen Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung in Leipzig. "Es gibt klare und eindeutige Belege dafür, dass der Klimawandel bereits die geographische Verbreitung, die Häufigkeit und die Migrationsmuster von Arten beeinflusst hat und damit die Biodiversität des Planeten bedroht."

Aber, so fügt die hinzu: "Wenn wir als globale Gemeinschaft die Ziele des Pariser Klima-Abkommens erreichen oder übertreffen können, dann können wir einige der prognostizierten dramatischeren Verluste verhindern, die fatale Folgen für uns Menschen hätten."

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Die großen Gewinner

Eine Begrenzung der Erderwärmung auf 1,5 Grad Celsius würde vor allem den Insekten helfen, denn sie sind vom Klimawandel der Studie nach besonders stark betroffen. "Das liegt vermutlich daran, dass Insekten Kaltblüter sind und ihre Körpertemperatur nicht kontrollieren können", spekuliert Warren. Viele Insektenarten könnten zudem nicht ihren Standort wechseln, wenn sich das Klima verändert. Das gilt etwa für Käfer, die im Boden leben.

Insekten vor dem Klimawandel zu bewahren, sei ganz besonders wichtig, betonen die Forscher: Insekten stehen ganz vorne in der Nahrungskette und sind daher Nahrungsquelle für viele Vögel, Reptilien und Säugetiere. Wenn die Insekten sterben, sterben viele andere Arten mit ihnen.

Im Endeffekt hängen auch wir von den Insekten ab, nicht nur, weil sie Blüten bestäuben und daher für die Landwirtschaft unerlässlich sind. Eine Studie schätze 2005 den ökonomischen Wert der Bestäubung auf 153 Milliarden Euro. "Wir fanden, dass vor allem die bestäubenden Insekten empfindlich auf eine Erderwärmung reagieren", sagt Warren.

rinoceronte

Der Mühe wert

Die Artenvielfalt zu erhalten lohnt sich - nicht nur wegen der Bestäuber. Ein artenreiches Ökosystem sorgt auch für fruchtbaren Boden, für saubere Luft und sauberes Wasser, betont Warren. Aber die Forscher geben selbst zu, dass eine Beschränkung der Erderwärmung auf 1,5 Grad vermutlich gar nicht mehr gelingen wird. Umso wichtiger sei es, rechtzeitig Ausweichräume für Arten zu schaffen, damit sie sich an den Klimawandel anpassen können.

Größere Naturschutzgebiete und Wanderkorridore wären so eine Möglichkeit. Den Schuppentieren allerdings würde das vermutlich gar nicht mehr nützen. Experten befürchten, dass die scheuen Säugetiere innerhalb der nächsten zehn Jahre aussterben könnten, noch bevor Forscher die Chance hatten, ihr Verhalten genauer zu studieren.

Wilderer zu stoppen und den Menschen in China beizubringen, dass sie auf Schuppentierfleisch und -medizin verzichten sollten - für die Schuppentiere ist das zunächst wichtiger als der Klimaschutz. Doch Rachel Warren betont, dass es unabdingbar sei, frühzeitig auch über Klimaschutz nachzudenken. "Wenn wir nicht rechtzeitig handeln, stehen wir später großen Problemen gegenüber."

Quelle

 

 

 

 

06.08.2018

#MeTwo: Deutsch, aber nicht deutsch genug?

Michel Abdollahi, Y'akoto und Idil Baydar: Sie alle haben Erfahrung mit Rassismus. Kann die #MeTwo-Debatte etwas ändern? Die drei Künstler mit ihrer ganz persönlichen Sicht auf die Frage nach der Identität.

Der Journalist und Performancekünstler Michel Abdollahi antwortet auf die Frage nach seiner Herkunft inzwischen mit "Iran", um es den Fragenden leichter zu machen. 

Die Kabarettistin Idil Baydar wird immer wieder migrantisiert. Sie sei nie migriert. Ihr Weg nach Deutschland war ein kurzer, wie sie es in ihrem Bühnenprogramm auf den Punkt bringt: "Von der Gebärmutter nach draußen."

Und die Sängerin Y'akoto glaubt, dass Begriffe wie Heimat und Identität in einer digitalen und globalisierten Welt, wie wir sie heute vorfinden, überholt sind und fordert ein Umdenken der Gesellschaft.

Wie sie die #MeTwo Debatte erleben und was sie mit den Begriffen Heimat, Identität und Deutschland verbinden, haben die drei uns erzählt.

Michel Abdollahi

Michel Abdollahi

"Unsere Politik hat überhaupt nicht dafür gesorgt, dass es weniger Rassismus bei uns in Deutschland gibt"

Michel Abdollahi ist Poetry-Slam-Pate, Fernsehmoderator, Journalist und Performancekünstler. Er wurde 1981 in Teheran geboren und kam mit fünf Jahren nach Deutschland. Seit 2000 ist er in der deutschsprachigen und europäischen Poetry-Slam-Szene aktiv. Er ist Mitbegründer das Labels "Kampf der Künste", das europaweit als größter Anbieter für Poetry Slam und Bühnenliteratur gilt. 2015 wurde er mit dem Deutschen Fernsehpreis ausgezeichnet, 2017 mit dem Gustaf Gründgens Preis. Er sieht sich als Deutsch-Iraner und überzeugter Hamburger.

"Heimat ist für mich eigentlich immer dort, wo mein Bett steht und das steht halt nun mal in Hamburg. Ich habe aber auch noch ein Bett im Iran, da schlafe ich dann auch, wenn ich dort bin. Aber Deutschland ist für mich zu Hause. Dort fühle ich mich am Wohlsten.

Iran ist für mich, der Ort, wo ich hergekommen bin. Iran ist ein Teil meiner Kultur, er ist ein Teil meines Herzens. Es ist auch ein Ort, an dem ich mich gut auskenne, wo ich mich auch sehr wohl fühle, aber ich bin ja nicht mehr da. Ich bringe mich dort nicht in die Gesellschaft ein, aber es ist eben auch ein Teil meiner Identität. Identität kann wechseln, kann sich anpassen, ist formbar und vielfältig. Es gibt nicht DIE Identität."

"Es tut weh, wenn Leute sagen, mach deine Arbeit in deinem eigenen Land"

"Es gibt Rassismus in Deutschland, das wissen wir alle. Alle, die 'Migranten' sind, wissen, dass es eine Form von unterschwelligem Alltagsrassismus und von schwerem fiesen Rassismus gibt. Ich erlebe Rassismus jeden Tag. Da reicht ein Blick auf mein Facebook- und Twitterprofil. Und jetzt redet man endlich mal darüber. Die Leute berichten über ihre Erfahrungen und dann muss man sich aber so Sachen anhören wie: 'Das habt ihr euch doch alle ausgedacht.' Das finde ich hart.

Unsere Politik hat überhaupt nicht dafür gesorgt, dass es weniger Rassismus bei uns in Deutschland gibt. Die CSU, als eine der Regierungsparteien, sorgt jeden Tag mehr dafür, dass Leute enthemmt ihren Rassismus rausschreien können.

Momentan sehe ich es nicht, dass ich von allen Leuten in Deutschland irgendwann als Deutscher akzeptiert werde. Aber das tut mir nicht weh. Weh tut es, wenn sie sagen, mach deine Arbeit in deinem eigenen Land. Das kann ich nicht akzeptieren.

Von der #MeTwo-Debatte erhoffe ich mir nichts. Rassismus geht nicht weg. Trotzdem wäre eine Sensibilisierung dadurch wünschenswert: Dass der Lehrer sich jetzt ertappt fühlt und denkt: 'Verdammt, ich war der Lehrer, der schallend gelacht hat, als damals Cem Özdemir den Wunsch äußerte, aufs Gymnasium zu gehen.'

Wir müssen nicht über die Leute reden, die wissen, dass sie Rassisten sind. Aber die, die ihre Kommentare nicht bewusst gemacht haben, sollten jetzt vielleicht merken, wie verletzend und prägend diese sind."

Idil Baydar alias Jilet Ayse

Idil Baydar alias Jilet Ayse

"Ich bin hier geboren. Ich bin nicht migriert, werde aber immer migrantisiert."

Idil Baydar wurde 1975 in Celle geboren. Sie ist Schauspielerin, Comedian und Kabarettistin. Ihre Schulzeit verbrachte sie auf einem Waldorf Internat. Ihre Eltern sind türkische Einwanderer. Bekannt geworden ist Idil Baydar über YouTube mit ihrer Kunstfigur Jilet Ayse, eine 18-jährige Kreuzberger Türkin. Dazu inspiriert hatte sie ihre Tätigkeit als Sozialarbeiterin an einer Berliner Schule, bei der sie beobachtete, wie Schüler mit Migrationshintergrund an deutschen Schulen behandelt und eingestuft werden. Als Jilet Ayse konfrontiert Idil Baydar ihr Publikum mit deren Vorurteilen von Migranten.

"Was ich merke ist, dass auf politischer Ebene gar kein Wille da ist, gegen Alltagsrassismus vorzugehen. Man möchte so ein paar repräsentable Rassismus-Projekte machen, aber wirklich was zu verändern, rassistisches Verhalten zu definieren und unter Strafe zu stellen, daran hat keiner Interesse.

Wenn ich hier zur Polizei gehe und sage, ich wurde diskriminiert und rassistisch beschimpft, dann wird das gar nicht aufgenommen. 

Deutschland ist für mich der Ort, an dem ich lebe und auch noch leben kann. Wie lange, weiß man ja nicht. Das kommt darauf an, in welche Richtung das hier geht. Ich denke schon darüber nach, was ich noch für Alternativen hätte für den Fall, dass das hier mit der AfD und mit dem Rechtssein wieder Status Quo wird.

"Ich möchte nicht in der Situation sein, dass ein anderer mir sagen kann, wie deutsch ich bin"

Mittlerweile klinke ich mich aus, aus dieser ganzen Zugehörigkeitsdebatte. Ich fühle mich wie Idil, wie ein Mensch. Und ich habe da andere Ansprüche an mich, als ein Gefühl zu einer Nationalität. Das habe ich als Kind nicht so empfunden, dass ich deutsch sein muss, denn ich war es ja de facto. Die Unterscheidung und Zuschreibung kam mit dem Erwachsenwerden. Ich bin eigentlich jemand, der migrantisiert wurde. Ich wurde aus dieser Gesellschaft rausbefördert. Ich bin hier geboren. Ich bin eine Waldorfschülerin und im Waldorf Internat gewesen - fünf, sechs Jahre. Mehr Sozialisation in Richtung Deutsch geht gar nicht. Ich mach da nicht mehr mit. Ich lass mich mittlerweile auch nicht mehr als Deutsche bezeichnen. Ich bin eine passdeutsche Ausländerin! Ich möchte nicht in der Situation sein, dass ein anderer mir sagen kann, wie deutsch ich bin. Wenn die Deutungshoheit über meine Identität jemand anders hat, hat das mit emanzipierten Bürgern nichts zu tun. Nichts! Man muss mir schon die Deutungshoheit lassen."

Y'akoto

Yakoto

"Deutsch oder nicht-deutsch? Das Konzept ist überholt"

Y'akoto, mit bürgerlichem Namen Jennifer Yaa Akoto Kieck, wurde 1988 in Hamburg geboren. Der Vater der Soulsängerin und Songwriterin stammt aus Ghana, ihre Mutter aus Deutschland. Bis zu ihrem elften Lebensjahr wuchs sie in Ghana auf. Danach zog die Familie wieder zurück nach Hamburg. Sie hat drei Alben herausgebracht. In ihren Songs prangert sie u.a. gesellschaftliche Missstände an, kontert Rassismus und singt über die Flüchtlingsthematik. Sie lebt in Hamburg und Paris.

"Was ist das denn 'der Deutsche' oder 'die Nicht-Deutsche'? Ich finde das überholt und altmodisch in einer globalisierten Welt. Ich glaube an Cross- und Trans-Identities. In Deutschland wird man aber schon fast dazu genötigt, sich zu einem Land, zu einer Kultur oder zu einem Pass zu bekennen und das finde ich total lästig, weil es die Entwicklung der Gesellschaft aufhält. Es ist auch sehr beleidigend gegenüber den Menschen, die sich wohl in zwei Identitäten fühlen und diese auch ausleben. 

"Ich quäle mich doch nicht, um irgendwo dazuzugehören"

Als ich mit zwölf Jahren in Deutschland in die Schule gekommen bin und die deutschen Kinder mich geärgert haben, da habe ich doch nicht versucht, mich auch noch mit denen anzufreunden. Ich habe mir Meinesgleichen gesucht und probiert, etwas Gutes daraus zu machen. So habe ich dann auch mit 15 meine erste Band gegründet. Ich quäle mich doch nicht, um irgendwo dazuzugehören. Aber ich glaube, das ist der Fehler, den viele Bi-Kulturelle machen: Sich bis zur Krankheit zu verausgaben, um zu diesem deutschen System zu passen.

Nun ist es gut, dass über die Sozialen Medien mit dem Hashtag #MeTwo etwas losgetreten wurde, dass ein Austausch stattfindet. Aber viel wichtiger ist der nächste Schritt: Dass wir dagegen systematisch und auch wissenschaftlich vorgehen. Dass über Alltagsrassismus in den Schulen berichtet und gelehrt wird. Dass wir schon im Kindergarten interkulturelles Training bekommen. Denn es ist nun mal die Realität, dass sich die Welt sich immer mehr vermischt - das ist unaufhaltbar.

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03.08.2018

Waldbrandmanager empfiehlt: Vorsorge statt teurer Löschtechnik

Anhaltend hohe Temperaturen und extreme Trockenheit erhöhen die Gefahr von Bränden. Alexander Held erklärt die Auswirkungen von Feuer auf die Natur und was der Mensch tun müsste, um die Brandgefahr zu reduzieren.

DW: Wie wird man denn Waldbrandmanager?

Alexander Held: Ich habe Forstwissenschaften studiert, mit dem Wunsch Forstamtsleiter in den bayerischen Alpen zu werden. Zufällig bin ich 2001 auf das Thema Feuerökologie gestoßen und wurde bald ins sogenannte Feuerausland geschickt, nach Florida, Kalifornien und Südafrika. Und so habe ich mich entsprechend qualifiziert, um Einsätze leiten zu können, auch aus der Luft. 

Wenn einem so etwas Spaß macht, wird man immer besser darin, die Zusammenhänge und Auswirkungen der unterschiedlichen Brände unter verschiedenen Klimabedingungen auf die Ökosysteme zu verstehen. Trotzdem bin ich Förster und würde lieber die Landschaften so managen oder die Wälder so bewirtschaften, dass wir uns erst gar nicht mit Katastrophenfällen beschäftigen müssten.

HeldWelche Feuerarten gibt es überhaupt?

Wir unterscheiden zwischen Boden-, Kronen- oder Vollfeuer, guten und schlechten Feuern. In Griechenland und im letzten Jahr in Portugal und Chile hatten wir es mit schlechten Feuern zu tun. Menschen kommen darin um, das Ökosystem wird zerstört, mit Auswirkungen auf den Boden und das Mykorrhiza-System [Anmerkung der Redaktion: Mykorrhiza sind Pilzsymbiosen, die etwa in Mitteleuropäischen Wäldern vorkommen].

Positive Feuer dagegen sind Pflegefeuer. Sie erhöhen die Biodiversität wie in der Savanne. Dort gibt es regelmäßige, milde präventive Feuer. Vor der eigentlichen Feuersaison, bei niedrigeren Temperaturen und höherer Luftfeuchtigkeit als im Hochsommer, könnten wir kontrolliert Feuer legen, um das feine Brennmaterial mit wenig Rauchentwicklung aus der Natur zu entfernen. 

Mit der richtigen Dosis können wir als Manager entscheiden, zu welchen Umweltbedingungen es brennt. Wenn dann ein Vegetationsbrand ausbricht, würde er nicht mehr die Chance haben, sich in ein Katastrophenfeuer zu verwandeln​, und die Einsatzkräfte hätten es mit Feuern zu tun, die sie auch bekämpfen könnten. Das Feuerverhalten, wie jetzt in Griechenland, können wir nicht bekämpfen.

Wie sind Ihre Beobachtungen. Ist die Zunahme an Bränden wirklich dramatisch?

Ja. Durch diesen real werdenden Klimawandel müssen wir uns häufiger mit extremen Wetterlagen beschäftigen als früher und auch mit extremen Feuersituationen. Die Feuer haben soviel Brennmaterial, sie werden heißer, größer, intensiver, immer schwieriger zu löschen. Das ist ein klarer Trend.

Genauso wie es unterschiedliche Feuer gibt, gibt es diverse Möglichkeiten zur Löschung. Ist es sinnvoll, wie in Schweden, Schnee zu verteilen oder Bomben abzuwerfen, um die Sauerstoffzufuhr zu unterbinden und das Feuer zu ersticken?

Ich muss sagen, in den vergangenen Jahrzehnten ist mir kein Verfahren bekannt, dass die Bekämpfung dramatisch revolutioniert hätte. Für die Waldbrand - oder Vegetationsbrandbekämpfung gibt es 28 Grundlagen, die das Feuerverhalten beeinflussen.

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Die wichtigsten sind: Ich muss erkennen, wie die Geländeausrichtung die Steilheit im Gelände und der Wind die Ausbreitung und das Verhalten des Feuers beeinflussen. So kann ich taktisch vorhersagen, wie sich die Flammen verhalten, wenn sie an Punkt A, B oder C im Gelände ankommen. Brennt das Feuer an einem feuchteren Nordhang gegen den Wind bergab, habe ich Chancen, es zu löschen. Andernfalls ist es eine Verschwendung von Ressourcen und mit hohem Risiko für die Einsatzkräfte verbunden, so wie jetzt in Griechenland. Das muss man wissen.

Und wenn genügend Wasser zur Verfügung steht, ist es das beste Mittel zum Löschen. Dummerweise brennen diese Waldbrände ja nicht neben dem nächsten Hydranten. Daher hat sich weltweit die Methode der trockenen Feuerbekämpfung durchgesetzt. Es geht nicht vorrangig darum, die Feuer zu löschen, sondern sie an der Ausbreitung zu hindern durch Kontrolllinien, die mit Baggern und Handwerksgeräten ausgehoben werden oder Vor- und Gegenfeuer. Wir können solche Linien auch durch Schaum ziehen. Es kann auch eine Straße sein. Aber eine Ausbildung dafür erhalten Feuerwehrleute in Deutschland nicht.

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Ums Löschen alleine geht es aber nicht nur.

Würden wir unsere Hausaufgaben machen, hätten wir keine Feuer zu bekämpfen, die erstens Menschenleben kosten und zweitens so intensiv brennen, dass wir Ökosysteme über Jahrzehnte zerstören. Doch 90 Prozent des Feuerbudgets wird in die Brandbekämpfung investiert statt in Prävention und Landmanagement.

Der nächste Fehler ist, wie sich bei den aktuellen Großbränden in Schweden zeigt, dass viel Wasser aus der Luft abgeworfen wird, was nicht tief genug in den Boden eindringt, aber enorm viel Geld kostet. Und die Annahme, dass ein Löschflugzeug Feuer löscht, ist falsch, es sieht nur spektakulär aus. Die Maßnahme vermindert nur die Flammenhöhe und bekommt mediale Aufmerksamkeit, sodass alle wieder über den Klimawandel reden. Doch so lange wir unseren Konsum pflegen, der den Klimawandel begünstigt, wird sich nichts ändern.

Welche Auswirkungen haben große Feuer auf das Ökosystem?

Feuer, die nicht zu intensiv sind, nicht zu lange auf einer Stelle und im Frühjahr brennen, wirken wie Rasenmäher. Sie schaden den Mikroorganismen im Boden nicht. Auf solchen Flächen finden wir in wenigen Monaten bereits eine Wiederbegrünung vor.

Jetzt aber ist das Brennmaterial viel trockener. Dadurch hat das Feuer mehr Energie, es brennt länger auf der gleichen Stelle. Der Boden braucht dann Jahre zur Erholung. Kontrolliert gelegte Feuer an strategischen Punkten im Februar oder März wären sinnvoll, stoßen in der Bevölkerung jedoch auf Ablehnung, weil Feuermanagement aus Unkenntnis ein negatives Image hat. Aber die gleichen Leute wollen sich im Vorhinein nicht mit der möglichen verheerenden Wirkung von Feuerkatastrophen auseinandersetzen.

Statt Feuer kontrolliert zu legen, könnte man an exponierten Orten auch Schaf- oder Ziegenherden zur Beweidung einsetzen. Sie fressen das Gestrüpp, dass später lichterloh brennen kann. Doch für solche Projekte gibt es keine politische Unterstützung und demzufolge kein Geld. Wenn es dann brennt, dann gibt es genügend Geld für Löschflugzeuge.

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Braucht es also verheerende Großbrände, damit Sie mediale Aufmerksamkeit erhalten und auf mögliche präventive Maßnahmen aufmerksam machen können?

Also, was wir beobachten ist: Sobald es regnet, ist das Thema vergessen. Unsere Forschungsergebnisse können wir den politischen Entscheidungsträgern dann nicht vermitteln. Was wir wirklich bräuchten, wäre ein großangelegtes Projekt über zehn verschiedene Länder in Europa. In jedem Land würden wir in je zwei bis drei Pilotprojekten auf je tausend Hektar ein präventives Land- und Feuermanagement durchführen. So würden wir Demonstrationsflächen anlegen, dort Erfahrungen sammeln, einen aktiven Austausch betreiben und könnten unsere Forschungen den Entscheidungsträgern vor Ort zeigen.

Wie müssen Waldflächen beschaffen sein, damit sie weniger anfällig für große Feuer sind?

Grundsätzlich hat es das Feuer in einer zusammenhängenden Vegetation leicht. Es geht darum, Strukturen zu schaffen, die nicht so leicht brennbar sind oder das Brennen aushalten. Dem weit stehenden Kiefernwald, in dem ab und zu ein Bodenfeuer durchläuft, macht dieses Feuer nichts aus. Der Berg-Mischwald aus Buche, Ahorn und Tanne wie im Schwarzwald hat so viel Innenklima und Feuchtigkeit, dass er nur schwer brennbar ist. Sinnvoll sind Pufferzonen wie Waldwege, die strategisch beweidet werden und eine andere Baumartenzusammensetzung, weg von der Monokultur und den gleichaltrigen Beständen. Und wir brauchen eine nachhaltige Forstwirtschaft. Die Konzepte müssen lokal ausgerichtet sein, denn sie sind nicht global übertragbar.

Auch die Landwirtschaft ist betroffen, wie die Feldbrände während der Getreideernten gezeigt haben. Was müsste sich im Agrarbereich ändern?

Sehr oft passiert bei Erntearbeiten Funkenflug, und die Weizenfelder gehen in Flammen auf. Die Feuerwehren fahren dann auf den Feldern herum und versuchen zu löschen. Wir beobachten gerade in Nord- und Ostdeutschland, große Felder ohne Struktur. Wir brauchen dazwischen bewässerte Gräben, Grünstreifen, Hecken und Kontrolllinien.

camion pompieri

Wir müssen auch die Wiedervernässung von Mooren forcieren, die enorme Mengen an klimaschädlichem CO2 binden. Denn wenn noch mehr Humus- und Torfflächen, wie gerade in England, in Rauch aufgehen, braucht es Jahrzehnte bis Jahrhunderte, bis der Kohlenstoff, der darin gebunden ist, wieder gespeichert werden kann. Aber das kostet Geld. Ich befürchte, der politische Wille und die Bereitschaft zum Umdenken wird erst einsetzen, wenn wir katastrophale Brände zu bekämpfen haben. Es hört sich hart an, aber noch ist der Schmerz nicht groß genug.

Alexander Held ist Senior-Manager am European Forest Institute (EFI). International ist er als Experte gefragt, um sein Wissen über Waldbrände, Brandbekämpfung, Auswirkungen des Klimawandels, Landmanagement und Waldresilienz weiterzugeben.

Quelle

 

 

 

 

02.08.2018

Welterschöpfungstag: Zeit für radikales Umdenken

Die Menschen haben am heutigen Tag mehr natürliche Ressourcen verbraucht, als die Erde in einem Jahr regenerieren kann. Jedes Jahr kommt der Welterschöpfungstag früher. Es ist Zeit für ein radikales Umdenken.

Am heutigen Mittwoch haben wir offiziell alle natürlichen Ressourcen der Erde für 2018 aufgebraucht - und es ist August. Jeglicher Konsum von natürlichen Ressourcen wird nun ein ökologisches Defizit aufbauen. 1970 war der Welterschöpfungstag, der Tag an dem die Menschheit alle natürlichen Ressourcen der Erde aufgebraucht hat, die sie in einem Jahr regenerieren kann, noch am 29. Dezember. 

Seit den 1970ern fordert die Menschheit jedes Jahr mehr Ressourcen von der Erde und der Welterschöpfungstag rückt dementsprechend Stück für Stück weiter zum Jahresbeginn.

grafico temperature

Die reichsten Länder verbrauchen am meisten Ressourcen

Im Augenblick werden 1,7 Erden gebraucht, um den globalen Bedarf nach Ressourcen zu decken, berichtet der Think Tank "Global Footprint Network".  Die Organisation berechnet jedes Jahr aufs Neue den Welterschöpfungstag, indem sie die Biokapazität des Planeten durch die in diesem Jahr aufgebrauchten Ressourcen teilt. 

Doch tragen nicht alle Länder die gleiche Verantwortung. Reiche Länder, bemessen am durchschnittlichen Einkommen, verbrauchen mehr Ressourcen als ärmere Länder. Dies spiegelt sich darin wider, dass Katar den höchsten Verbrauch natürlicher Ressourcen vorzuweisen hat. 

Wenn alle so leben würden wie die Menschen in Katar, würden etwa neun Erden gebraucht werden, um diese Art von Leben weiter fortführen zu können. Würden wir wiederum leben wie die Menschen aus Nigeria oder Indien, wäre nur etwas mehr als eine Erde nötig. Und würden sich die Menschen ein Beispiel an Vietnam nehmen, würde eine Erde komplett ausreichen.

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Weniger Konsum und eine andere Wirtschaft

Auch die Deutschen leben über ihren Verhältnissen. Sie konsumieren so viel von den Ressourcen, dass wir drei Erden bräuchten, wenn alle so handeln würden wie die Zentraleuropäer. Schon alleine um die CO2-Emissionen zu binden, die in Deutschland freigesetzt werden, wären zwei Erden notwendig. 

Auch global ist die Nutzung von fossilen Brennstoffen der Hauptgrund für die Ausnutzung des Planeten. Ohne die fossilen Energieträger wäre der Welterschöpfungstag immerhin drei Monate später.

risorse in Germania

Um tatsächlich einen Wandel zu schaffen, müssten wir unser Konsumverhalten und das aktuelle Wirtschaftssystem radikal überdenken, sagt der deutsche Entwicklungsminister Gerd Müller. "Der Welterschöpfungstag zeigt eindeutig: Wir verbrauchen von allem zu viel! Deswegen müssen wir jetzt drei Trendwenden einleiten: Ein neues Wachstumsverständnis, eine Wirtschaft, die in Kreisläufen denkt, und ein konsequentes Umsteuern auf erneuerbare Energien. Das ist Voraussetzung für nachhaltige Entwicklung und zugleiche eine Frage der globalen Gerechtigkeit."

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01.08.2018

Europa: Gemeinsam gegen die Flammen

Während in politisch turbulenten Zeiten viele das Ende der europäischen Solidarität heraufbeschwören, zeichnet die Bekämpfung der Waldbrände in Schweden und Griechenland ein anderes Bild. Wer hilft wem, wie und warum?

In drei schmucklosen Büroräumen in der Rue Joseph II in Brüssel befindet sich das Herz der europäischen Katastrophenschutz-Maschinerie: Hier sitzt das Zentrum für die Koordination von Notfallmaßnahmen der Europäischen Union (ERCC). Fünf Mitarbeiter überwachen unter anderem mithilfe von Satellitendaten in wechselnden Schichten rund um die Uhr bestehende oder potenzielle Krisen innerhalb der EU.

Diese Woche haben sie alle Hände voll zu tun: In Schweden sind die vier größten der seit Wochen anhaltenden verheerenden Waldbrände weiterhin außer Kontrolle. In Griechenland sind bei Großbränden mindestens 74 Menschen ums Leben gekommen. Mehr als 150 weitere wurden verletzt, darunter viele Kinder. 

Unterdessen ist der Kampf gegen die Flammen in vollem Gange - und Europa kämpft gemeinsam: Schweden hat Hilfsangebote aus Deutschland, Italien, Frankreich, Litauen, Dänemark, Portugal, Polen und Österreich bekommen. Sieben Löschflugzeuge, sieben Hubschrauber und mehr als 340 Einsatzkräfte könnten die schwedische Feuerwehr unterstützen oder tun dies bereits. Allein aus Deutschland sind mehr als 50 Feuerwehrleute mit neun Spezialfahrzeugen sowie fünf Helikopter in dem skandinavischen Land im Einsatz.

Größte Löschaktion in EU-Geschichte

Nach EU-Angaben handelt es sich um die größte gemeinsame Anstrengung zur Bekämpfung von Waldbränden in der Geschichte der Europäischen Union. Christos Stylianides, EU-Kommissar für humanitäre Hilfe und Krisenschutz, ist zufrieden: "Wir haben rund um die Uhr gearbeitet, um Schweden zu helfen. Das ist unsere Pflicht in einem Europa, das seine Bürger schützt", heißt es in einer am Dienstag veröffentlichten Stellungnahme. Die Brände in Schweden zeigten, dass "der Klimawandel echt und kein Land immun gegen Naturkatastrophen ist", so Stylianides. Auch Griechenland hat Hilfsangebote aus anderen europäischen Ländern erhalten. Zypern, Spanien und Bulgarien stehen mit Flugzeugen, Feuerwehrleuten, Ärzten und Fahrzeugen bereit.

meteo

Zuvor hatten Stockholm und Athen den EU-Katastrophenschutz-Mechanismus aktiviert, dessen Noteinsätze das ERCC seit 2013 koordiniert. Das 2001 ins Leben gerufene Verfahren, an dem alle 28 EU-Mitgliedsstaaten und sechs weitere Länder teilnehmen, kommt bei Naturkatastrophen und vom Menschen verursachten Katastrophen zum Einsatz - auch außerhalb der EU: Seit 2010 wurde der Mechanismus etwa bei der Fukushima-Katastrophe in Japan, der Ebola-Epidemie in Westafrika und für Hilfsleistungen im syrischen Bürgerkrieg aktiviert. Zwischen 2001 und 2017 ist er der Europäischen Kommission zufolge insgesamt rund 300 Mal zum Einsatz gekommen.

"Viel Solidarität seitens der Mitgliedstaaten"

Bittet eine Regierung die EU um Hilfe, leitet das ERCC die Anfrage an die EU-Mitgliedsstaaten weiter. Wird der Katastrophenschutz-Mechanismus aktiviert, teilt das Land, das in Not ist, dem Zentrum mit, wie viel und welche Art von Hilfe es benötigt. Welche Länder sich in welcher Form an Notfalleinsätzen beteiligen, hängt hauptsächlich von den Kapazitäten der Staaten und ihren Erfahrungen mit den jeweiligen Szenarien zusammen. Dabei muss die Situation im eigenen Land berücksichtigt werden: Kommt es dort häufig zu Katastrophen wie Waldbränden, wird die Beteiligung an Einsätzen im Ausland zum Risiko.

Flammen

"Der Mechanismus funktioniert auf freiwilliger Basis. Die Länder sind nicht verpflichtet zu helfen, tun es aber trotzdem. Sie helfen, so gut sie können und mit den Mitteln, die sie haben", sagt Carlos Martin Ruiz de Gordejuela, Pressesprecher der EU-Kommission, der Deutschen Welle. Deutschland etwa verfüge zwar möglicherweise nicht über Löschflugzeuge, biete dafür aber bei Waldbränden andere Formen der Unterstützung an. Da Schweden nicht viel Erfahrung mit derartigen Bränden habe, sei es sinnvoll, dass nun andere Länder Einsatzkräfte, Fahr- und Flugzeuge und Expertise zur Verfügung stellten.

Hilferufe bleiben mitunter unbeantwortet

Doch nicht immer funktioniert der Katastrophenschutz-Mechanismus reibungslos. "In den Fällen von Schweden und Griechenland konnten wir die Anfragen beantworten. Aber wir müssen zugeben, dass dies nicht immer der Fall gewesen ist, vor allem nicht letztes Jahr", räumt Ruiz de Gordejuela ein. 2017 wurde der Mechanismus nach EU-Angaben 17 Mal wegen Waldbränden aktiviert. Sieben der Anfragen konnten demnach nicht beantwortet werden. "Wenn wir wegen eines Brandes eine Anfrage bekommen, brennt es in der Regel auch anderswo, und manchmal sind die benötigten Mittel nicht verfügbar", so Ruiz de Gordejuela.

Nun wolle man das Verfahren mit gezielten Maßnahmen verbessern. Vorstellbar sei etwa eine Beteiligung der EU an den Kosten der Einsätze. Bisher wird etwa die Hälfte der Transportkosten aus dem EU-Haushalt bezahlt, während die Einsatzkosten ausschließlich von den Mitgliedsstaaten getragen werden - zunächst vom Geberland. Später kann das Empfängerland diese zurückerstatten.

Ein zweiter Vorschlag zur Verbesserung des Katastrophenschutz-Mechanismus sei die strategische Positionierung von EU-Einsatzkräften, die im Notfall schnell an Krisenorte gelangen könnten, erklärt Ruiz de Gordejuela. Außerdem wolle man an der Krisenprävention, dem Training und dem Informationsaustausch arbeiten. Dies alles bedeute aber nicht, dass die EU-Mitgliedsstaaten in Zukunft weniger Verantwortung hätten. "Sie werden immer der hauptverantwortliche Akteur sein, wenn es darum geht, Krisen zu bewältigen."

Quelle

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