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40804240 303 20.10.2017DW Special: Warum Afrika hungert

Jahrelang sankt die Zahl der Hungernden- nun steigt sie wieder. Allein in Afrika sind 26 Millionen Menschen vom Hungertod bedroht. In einer Sonderserie beleuchtet die Deutsche Welle die Hintergründe dieser Katastrophe.
 
 

Es ist eine dieser Situationen, in denen man erst später realisiert, was eigentlich geschehen ist. Eine Ärztin und eine Krankenschwester beginnen, ein kleines Kind wiederzubeleben. Die Eltern sitzen regungslos am Bettrand. Nach wenigen Minuten gibt die Ärztin die Anweisung, die Wiederbelebungsversuche zu beenden. Ein leises Schluchzen füllt die Stille. Dann ein Schreien. Ein Pfleger trägt eine kleine Trennwand herein und stellt sie vor das Krankenbett. Wie es weiter geht, sehen wir nicht mehr.

Diese Szene in einer Klinik im Norden Kenias war einer der bedrückensten Momente auf unserer Recherchereise in die Hungergebiete Afrikas. Sie macht deutlich, dass es bei den 26 Millionen vom Hungertod bedrohten Menschen nicht um eine abstrakte Zahl geht - und dass der Hunger für einige dieser 26 Millionen mehr als eine Bedrohung ist. Das kleine Mädchen in der Klinik in Kenia starb nicht an einer unheilbaren Krankheit oder an den Folgen eines Unfalls. Es starb daran, dass zu lange nichts mehr zu essen bekommen hatte.

Der Hunger macht kaum noch Schlagzeilen
Mehrere Wochen lang haben sich Reporter der Deutschen Welle auf die Spuren der Hungerkrise in Afrika begeben. Sie haben mit Helfern, Experten, Politikern und vor allem mit den Betroffenen selbst gesprochen, um mehr über die Ursachen zu erfahren, warum so viele Menschen hungern müssen.

Der Zeitpunkt für dieses Rechercheprojekt ist nicht zufällig: Bereits Anfang des Jahres schlugen Hilfsorganisationen Alarm. Eine sich immer weiter ausbreitende Dürre könnte in Afrika und im Jemen eine der schlimmsten Hungersnöte der letzten Jahrzehnte auslösen. Doch bald schon machte die Krise keine Schlagzeilen mehr - obwohl sich die Situation bis heute nicht grundlegend verbessert hat. Allein in den beiden am stärksten betroffenen Ländern, dem Südsudan und Somalia, sind weiterhin mehr als 14 Millionen Menschen auf Nahrungsmittelhilfen angewiesen.

Ursache: Mensch
Was hat zu dieser dramatischen Situation geführt? Die Antwort der Reporter ist eindeutig: Nicht die Natur, sondern der Mensch. Der weltweite Klimawandel, massive Abholzung und einseitige Bodennutzung machen das Leben für Afrikas Kleinbauern immer schwieriger.

Doch die Folgen politischer Konflikte sind weitaus verheerender. In den besondes betroffenen Ländern - von Nigeria über den Südsudan bis nach Somalia - herrschen entweder Bürgerkrieg oder terroristische Organisationen machen ganze Landesteile unsicher. In diesen Ländern erfüllt der Staat seine grundlegenden Aufgaben nicht. Gesundheitsversorgung, Bildung oder Sicherheit sind für viele Bürger ein Fremdwort. Stattdessen bereichert sich eine kleine Elite an den oft beachtlichen Reichtümern.

Vorsichtiger Optimismus
Trotzdem kamen die Reporterteams auch mit hoffnungsvollen Geschichten zurück. Somalia zum Beispiel hat seit Anfang des Jahres eine neue Regierung - nach mehr als 20 Jahren Bürgerkrieg. Viele Beobachter sind zumindest vorsichtig optimistisch. Und überall trafen die Reporter auf Menschen, die in Ausnahmesituationen über sich hinauswachsen und einfach nicht aufgeben. Der Mensch ist eben nicht nur die Ursache des Hungers, er ist auch die Lösung.


Autorin/Autor Jan-Philipp Scholz

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19/10/2017

37566561 303 19.10.2017Kolumne: Wie krank macht Berlin?

In der Großstadt Berlin gibt es verstärkt Fälle von Schizophrenie, Depression und anderen psychischen Erkrankungen. Berlin kann tatsächlich krank machen, meint Kolumnist Gero Schließ. Doch die Kultur macht wieder gesund.
 
 
 

Vor einiger Zeit bereitete mir die Berliner Boulevardzeitung B.Z. ein paar sehr unruhige Tage. Sie titelte: "Warum Berlin unser Hirn schrumpfen lässt". Grund sei vor allem der chronische Stress in Berlin, der Funktionsweise und Struktur bestimmter Hirnbereiche verändere. Na ja, kann damit etwas anderes als das aufreibende Party-Leben gemeint sein?

Berlin stresst
Aber beim Weiterlesen wurde mir klar: Es sind die aufreibenden Jobs und das entbehrungsreiche Leben der hart arbeitenden Mittelschicht, die einsam machen können und sozial stressen. Und so dem Hirn des Berliners zusetzen. Kein Wunder, dass ich mich angesprochen fühle.

Liebe Leser, ich wende mich jetzt vertrauensvoll an Sie. Seit gut einem Jahr verfolgen Sie meine Arbeit. Haben Sie irgendwelche Veränderungen bemerkt? Ich bitte um schonungslose Rückmeldungen an: Questo indirizzo e-mail è protetto dallo spam bot. Abilita Javascript per vederlo.

Zum Glück hat ein Bekannter von mir, Mazda Adli, ein Buch über dieses Thema geschrieben: "Stress and the city" heißt es. Mazda Adli ist Psychiater und lebt in Berlin.
Zunächst einmal beruhigt er mich. Entwarnung: Wenn Berlin die Hirne schrumpfen ließe, wäre er nicht mehr in der Stadt. Okay, das würde ich jetzt auch so sagen. Aber immerhin ist Adli ausgewiesener "Hirnologe". Ich glaube ihm, dass es – wie immer – ein bisschen komplizierter ist.

Es fängt an wie viele Berlin-Geschichten. Berlin ist mal wieder Spitze. Diesmal allerdings Spitzenreiter bei den Singlehaushalten. Kaum zu glauben, der Berliner ist ein Eigenbrödler. Mehr als 30 Prozent leben alleine. Im Bundesdurchschnitt sind es nur um die 20 Prozent. Ideale Bedingungen also für "soziale Einsamkeit", findet Adli. Und die ist ein möglicher Auslöser für den so gefährlichen chronischen Stress.

Soziale Isolierung. Ich prüfe mich mal selber. Natürlich habe ich Freunde und noch mehr Bekannte in Berlin. Und ich lebe nicht alleine. Doch kommt es mir nur so vor oder ist es wirklich so, dass seit meiner Rückkehr aus Washington manche Menschen einen Bogen um mich machen? Auch manche Kollegen? Bestimmt nur Einbildung, höre ich schon die innere Stimme in meinem Hinterkopf. Aber ich bin sensibler geworden. Auf jeden Fall ist Berlin für mich anstrengender als Washington. Die großen Entfernungen, das viele Fahren, die späten Termine, die kühlere Mentalität. Alles kommt zusammen.

Berlin schläft schlecht

Ruhig Blut, sage ich mir. Schlafen wir eine Nacht darüber. Denkste! Wenn das nur so einfach wäre in Berlin. Berlin ist eine Stadt, die niemals schläft, heißt es so schön und brutal. Natürlich abgekupfert von New York. Doch lassen wir den Tatbestand des Plagiats mal beiseite. Es stimmt, Berlin schläft schlecht. Eine Studie der DAK-Krankenkasse lässt bei mit die Alarmglocken schrillen: 76 Prozent aller Berliner Erwerbstätigen schlafen nicht gut. Das sind 1.25 Mio. Arbeiter, Angestellte, Selbständige. Und selbst für Beamte gilt das.

Ja, und auch für mich: Die Überflut von Eindrücken und Erlebnissen, unregelmäßige Bettgehzeiten, Smartphone-Spielen bis kurz vorm Wegnicken: Das ist nicht gesund.

Berlin heilt?
Macht Berlin also krank? Nein, ruft Mazda Adli und ich stimme in seinen Ruf entschieden ein. Die Stadt entschädigt beispielsweise mit tollen Kulturangeboten: Opern, Orchester, Theater und Museen halten gesund. Das kulturaffine Hirn des Berliners reagiert positiv. Aber Achtung: Die Kulturtempel entfalten keine magische Wirkung durch ihre bloße Präsenz. Man muss schon hingehen.
 

Autorin/Autor Gero Schließ

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18/10/2017

19399776 303 18.10.2017Die Zahl fettleibiger Kinder und Jugendliche steigt immer schneller

Die Zahl extrem dicker Kinder und Jugendlicher hat sich in den vergangenen 40 Jahren verzehnfacht. Besonders dramatisch ist die Entwicklung in der Südsee und in einigen angelsächsischen Ländern.
 
 
 

Während vor 40 Jahren eines von hundert Kindern fettleibig war, sind es inzwischen sechs von hundert Mädchen und acht von hundert Jungen.

Das sei "eine erschütternde Veränderungsrate", kommentiert Fiona Bull von der WHO diesen Trend. Forscher der Weltgesundheitsorganisation und des Imperial College London präsentieren ihre Ergebnisse im britischen Journal "The Lancet".

BMI als entscheidendes Kriterium
Für die Studie haben die Wissenschaftler Gewicht und Größe von fast 130 Millionen Menschen analysiert, darunter 31,5 Millionen zwischen fünf und 19 Jahren. Als Kriterium für das Übergewicht nutzten sie den sogenannten Body-Mass-Index. Er ergibt sich so: das Körpergewicht geteilt durch das Quadrat der Körpergröße. 25 gilt als normal, 25 bis 30 als übergewichtig, 30 und mehr als fettleibig. Dieser Wert ist zwar teilweise umstritten, zeigt aber das Verhältnis von Muskeln, Fett und Knochen zueinander.

Laut der Studie ist der Anstieg der Fettleibigen in einigen Ländern besonders bedenklich - auch in besonders bevölkerungsreichen Staaten wie China und Indien.

Übergewichtige Insel-Bewohner
Den höchsten Anteil von fettleibigen Kindern und Jugendlichen fanden die Forscher in einigen Ländern der Südsee sowie in wohlhabenden angelsächsischen Ländern, darunter die USA und Australien. Kinder und Jugendliche auf den Cookinseln und der Insel Niue im Südpazifik haben den höchsten BMI-Wert.

Die Wissenschaftler betonen in ihrer Studie jedoch nicht nur das Problem des Übergewichts, sondern auch das des Untergewichts. Mehr als 192 Millionen fünf bis 19-Jährige seien untergewichtig. 2016 hatte Äthiopien laut WHO den geringsten BMI-Wert, das bedeutet, dort leben die meisten untergewichtigen Kinder und Jugendliche. Andere Länder, die ebenfalls einen niedrigeren BMI-Wert aufweisen, sind Niger, Senegal, Bangladesch, Myanmar und Kolumbien.

Laut WHO müssen Familien besser über gesunde Ernährung aufgeklärt werden. Junge Mütter sollten ermutigt werden, mindestens sechs Monate lang zu stillen. Mehr gesundes Essen in den Schulkantinen und auch mehr Sportmöglichkeiten für Kinder seien entscheidend im Kampf gegen Fettleibigkeit.

Mehr Gewicht, mehr Gesundheitsprobleme
"Je länger die Menschen ein zu hohes Gewicht haben, desto mehr Gesundheitsprobleme haben sie", erklärt Majid Ezzati von Imperial College London. Ein höheres Risiko für Diabetes, Krebs oder Schlaganfälle - bei Kindern auch Mobbing in der Schule - sind die Folgen, sagen die Forscher.

In etwa fünf Jahren werde es mehr fettleibige Kinder geben als Untergewichtige, wenn die Entwicklung so weitergehe wie bisher, warnen die Wissenschaftler.

Autorin/Autor Reyhaneh Azizi

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17/10/2017

4183740 404 17.10.2017Grüner Star - die Gefahr zu erblinden

Das Gesichtsfeld wird immer kleiner, der Augendruck steigt. Das merken die meisten Menschen aber gar nicht, und genau das ist das Heimtückische am Grünen Star.
 
 
 

Der Grüne Star bereitet keine Schmerzen. Die wären zumindest ein Warnsignal, dass irgendetwas im Körper nicht stimmt. Ein Anzeichen beim Grünen Star, oder Glaukom genannt, ist meist nur ein erhöhter Augeninnendruck, den man allerdings nicht spürt.

Er entsteht, wenn das sogenannte Kammerwasser nicht mehr abfließen kann. Diese Flüssigkeit ernährt die Linse und die feinen Strukturen im Inneren des Auges. Die Produktion und der Abfluss dieses Kammerwassers halten sich beim gesunden Auge die Waage, sind also im Gleichgewicht. Die Flüssigkeit, die gebildet wird, fließt auch immer wieder ab. Der richtige Augeninnendruck sorgt auch dafür, dass die kugelige Form des Auges erhalten bleibt. Beim kranken Auge funktioniert das nicht mehr. Der Augeninnendruck steigt, der empfindliche Sehnerv wird zusammengedrückt, und seine Fasern, die das Gesehene an Netzhaut und Gehirn übermitteln, sterben ab.

Das Gesichtsfeld ist der Bereich, den man sieht, wenn man geradeaus blickt, ohne dabei die Augen in verschiedene Richtungen zu bewegen. "Die Patienten bemerken nicht, wie das Gesichtsfeld immer kleiner wird", erklärt Markus Kohlhaas von der Augenklinik in Dortmund. "Ihnen ist nicht bewusst, dass die Sehschärfe immer schlechter wird. Wir kennen alle diesen Spruch: Man gewöhnt sich immer an das Schlechte. Der Grüne Star ist eine Erkrankung, die über viele, viele Monate und über viele, viele Jahre verläuft." Denn meist gleicht das Gehirn fehlende Informationen erst einmal aus.

Um den Grünen Star diagnostizieren zu können, misst der Augenarzt den Augeninnendruck und untersucht den Sehnerv auf mögliche Schäden und kann dann den Patienten entsprechend behandeln. Geschieht das nicht, besteht die Gefahr, dass der Patient erblindet. Für Erblindung ist der Grüne Star in Europa die zweithäufigste Ursache.

Die Therapiemöglichkeiten
Behandelt wird die Krankheit zunächst mit Augentropfen, die den aus dem Gleichgewicht geratenen Druck regulieren sollen. Wenn das nicht hilft, muss operiert werden. Diese Eingriffe haben ebenfalls das Ziel, den Augendruck abzusenken. Dabei kann mit Lasertechnik der Abfluss des Augenwassers verbessert werden.

Andere Operationstechniken wiederum schaffen einen neuen Abfluss: "Eine weitere Methode ist, ein Loch ins Auge zu bohren. Die überschüssige Flüssigkeit fließt dann nach außen ab", erläutert Kohlhaas.

Eine unendliche Geschichte
Meistens sind es ältere Menschen, bei denen Grüner Star festgestellt wird. Die Gefahr, daran zu erkranken, wird ab dem 40. Lebensjahr größer. "Babies, Kinder und Jugendliche sind Gott sei Dank ganz selten vom Grünen Star betroffen", sagt Kohlhaas.

Anders ist das bei der mittlerweile 11-jährigen Nele. Sie gehört zu den rund 300 Kindern, die in Deutschland von dieser heimtückischen Augenerkrankung betroffen sind, und sie ist ein besonders tragischer Fall. Nele leidet seit ihrer Geburt an einer Abflussstörung des Kammerwassers im Auge. Festgestellt wurde es als sie gerade mal vier Monate alt war, erzählt ihre Mutter, Manuela Koch. Ihre ältere Tochter hatte entdeckt, dass Neles rechtes Auge milchig trüb war. Die Diagnose des Augenarztes kam prompt: Angeborenes Glaukom. "Damals habe ich natürlich noch nicht gewusst, was da auf mich zukommt", sagt Manuela Koch. Unter anderem waren das 53 Operationen, die Nele hinter sich bringen musste. Damit habe eine langjährige und unendliche Geschichte begonnen, so die Mutter. Nahezu alle Operationsmöglichkeiten wurden bei Nele ausgeschöpft, Laserbehandlung, Drainagen wurden gelegt, mit verschiedenen Methoden haben die Ärzte versucht, den Abfluss des Kammerwassers in Gang zu bringen. Aber keine der Operationen hatte lang anhaltenden Erfolg. Und so müssen die Ausgänge wieder und wieder freigelegt werden.

Eine hohe Dunkelziffer
Weltweit sind etwa 60 Millionen Menschen von der Augenerkrankung betroffen. In Deutschland gibt es rund eine Million, bei denen Grüner Star diagnostiziert wurde. Reihenuntersuchungen zufolge sind weitere zwei Millionen betroffen, bei denen er nicht erkannt ist. Bei solchen Schätzungen werden an einem Tag beispielsweise 5000 Leute willkürlich ausgesucht und untersucht. Die Ergebnisse werden dann hochgerechnet. "Der Grüne Star ist in Deutschland die dritthäufigste Volksseuche - nach Zuckererkrankung und hohem Blutdruck", so Kohlhaas. "Das wissen die wenigsten, aber es sind Millionen betroffen und zwei Drittel wissen noch nichts davon."

Verschiedene Ursachen

Die Augenheilkunde unterscheidet zwischen primärem und sekundärem Glaukom: Beim Primärglaukom liegt keine andere Erkrankung zugrunde, die mit dem Druckanstieg in Verbindung gebracht werden kann. Das ist auch bei Nele so. Das Sekundärglaukom hingegen kann beispielsweise auf Entzündungen, Verletzungen oder Tumore deuten. "Diese Patienten haben häufiger Gefäßprobleme oder Herzprobleme", so Kohlhaas. "Es gibt viele virale Erkrankungen, die auch mit einem Druckanstieg verbunden sein können. Herpes zum Beispiel ist ein ganz großes Problem. Herpes im Inneren des Auges kann zu Erblindung führen. Ursachen gibt es viele." Rauchen kann eine sein, denn es verursacht Gefäßveränderungen und begünstigt die Gefäßsklerose, und die gibt es auch in den ganz kleinen Gefäßen am Auge oder am Sehnerv. Der könne dadurch deutlich geschädigt werden, so Kohlhaas weiter.

Nele meistert ihr Leben
Nele bewegt sich mit einem sogenannten Langstock und geht in eine integrative Schule. Im Laufe der Jahre hat sie verschiedene Techniken entwickelt, um möglichst viele Dinge machen zu können, die für andere Kinder normal sind. Nele fahre zum Beispiel Fahrrad, berichtet ihre Mutter, aber natürlich auf abgegrenztem Gebiet. "Ich habe drei Jahre lang versucht herauszufinden, warum Nele nirgends gegenstößt. Das Geheimnis: Jeder Gegenstand gibt eine Art Luftdruck ab, wenn man vorbeigeht." Anhand dieses Luftdrucks sei sie in der Lage, Entfernungen abzuschätzen, so Neles Erklärung. An der Seite einer Begleitung absolviert sie Lauftraining über fünf Kilometer.

Geige spielen hat sie gelernt, ohne die Noten lesen zu können, denn ihr Gesichtsfeld ist mittlerweile stark eingeschränkt. "Sie spielt Geige, um auch der Gesellschaft zu zeigen: Hallo, hier bin ich, ich mache das gleiche wie alle anderen, also nehmt mich auch so." Nele hat große Angst, eines Tages noch nicht einmal mehr Schatten sehen zu können und vollkommen zu erblinden. Aber unterkriegen lässt sie sich nicht.


Autorin/Autor Gudrun Heise

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16/10/2017

18689782 303 16.10.2017Machen Kopfschmerztabletten abhängig? Fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker

Mal ehrlich: Lesen Sie immer den Beipackzettel genau durch, bevor Sie eine Schmerztablette nehmen? Nein? Sollten Sie aber, denn die Nebenwirkungen können fatal sein.
 
 
 

Kopfschmerzen? Die meisten gehen da direkt mal zum hauseigenen Arzneimittelschrank. Kopfschmerztabletten hat ja wohl jeder im Haus. Man braucht kein Rezept und bekommt sie in jeder Apotheke.

"Frei verkäuflich heißt nicht automatisch ungefährlich", sagt der Bremer Pharmakologe Bernd Mühlbauer. Er warnt davor, Tabletten auf eigene Faust zu lange und unkontrolliert einzunehmen. "Sie können durchaus Nebenwirkungen und Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten haben."

Abhängig von der Kopfschmerztablette?
Heftige Schmerzmittel wie etwa Opiate können zu Abhängigkeiten führen. Das ist bekannt. Aber die harmlose Kopfschmerztablette? "Viele Patienten sind abhängig von Schmerzmitteln", so Gerhard Müller-Schwefe vom Schmerz und Palliativ- Zentrum Göppingen. Das gelte nicht nur für Opiate, also für stark- und zentralwirksame Medikamente, sondern auch für einfache Schmerzmittel.

Das Fatale ist, dass die Patienten das Medikament immer wieder schlucken. "Wenn Sie das Medikament 14 oder 16 Stunden nicht genommen haben, kann es zu Entgiftungsschmerzen kommen", erläutert Müller-Schwefe. "Um diesen Schmerz zu behandeln, nehmen die Betroffenen ein Schmerzmittel. Damit geraten sie in einen Teufelskreis, aus dem sie nicht mehr herauskommen."

Zahlen darüber, auf wie viele Menschen das zutrifft, gibt es nicht. Aspirin und Co sind schließlich unproblematisch in jeder Apotheke erhältlich und müssen nicht vom Arzt verschrieben werden.

'Hab ich nicht gewusst' gilt nicht!
'Hast du mal ein Aspirin für mich'? Schon längst ist die Tablette aus der grün-weißen Schachtel zum Synonym für Kopfschmerzen geworden und zum Verkaufsschlager der Bayer AG: "Die einfachste und schnellste Lösung für Ihre Kopfschmerzen heißt: Schmerzmittel. Wirkstoffe wie Acetylsalicylsäure in Aspirin® lindern leichte bis mäßig starke Kopfschmerzen zuverlässig." So steht es auf der Webseite des Aspirin-Herstellers. Selbstverständlich gibt es einen Beipackzettel zum Medikament. Darin sind alle möglichen Nebenwirkungen aufgelistet, die bekannt sind.

Das geht von "häufig" (1 bis 10 Behandelte von 100) bis hin zu 'selten' (1 bis 10 Behandelte von 10.000), und dazu zählen nach Angaben des Herstellers "schwerwiegende Blutungen wie z.B. Hirnblutungen, besonders bei Patienten mit nicht eingestelltem Bluthochdruck ... " oder auch "Überempfindlichkeitsreaktionen (bis hin zu schweren fieberhaft verlaufenden Hautausschlägen mit Schleimhautbeteiligungen [Erythema exsudativum multiformel]".

Spätestens bei solchen Formulierungen schalten vermutlich selbst diejenigen ab, die in guter Absicht begonnen hatten, sich mit den möglichen Nebenwirkungen zu beschäftigen. Zur Erinnerung: Es geht um Aspirin.

Mühlbauer hält es für dringend nötig, die gängigen Beipackzettel zu ändern. "Wir arbeiten beispielsweise seitens der Arzneimittelkommission der Deutschen Ärzteschaft an einem Projekt mit. Wir wollen erreichen, dass mit ein paar gut leserlichen und verständlichen Ausdrücken auf die wirklich relevanten Gefahren hingewiesen wird, eine Art Kurzzusammenfassung", sagt Mühlbauer.

Und, so der Direktor des Instituts für Klinische Pharmakologie am Klinikum Bremen, er wünsche sich, dass die Patienten die Beipackzettel dann auch wirklich lesen. Und das gilt nicht nur für sämtliche Mittel zur Schmerzbekämpfung. Es gilt für alle Medikamente.

Das Phänomen der Uhrmacher
Menschen, die besonders konzentriert arbeiten, etwa am Computer, vielleicht sogar bis in die Nacht hinein, gehören zu einer Gruppe, die häufig Schmerzmittel nimmt, weil sie funktionieren wollen und müssen. Die andere Gruppe seien Patienten mit einer Migräne, die nie untersucht und diagnostiziert wurde, glaubt Müller-Schwefe.

Und auch da besteht die Gefahr, dass diese Menschen in einen Teufelskreis geraten, nach der Devise: je mehr Schmerzmittel, desto mehr Schmerzmittel, desto mehr Schmerzmittel ... Irgendwann führt das zur Abhängigkeit und zu Kopfschmerzen, die durch Kopfschmerztabletten verursacht wurden.

"Früher waren es die Schweizer Uhrmacher, die präzise und konzentriert arbeiten mussten. Das war allgemein bekannt. Sie haben alle einen Arzneistoff zur Schmerzbehandlung und Fiebersenkung genommen, vertrieben unter dem Namen Phenacetin, denn sie bekamen von ihrer Arbeit Kopfschmerzen. Zu einem hohen Prozentsatz ist es bei diesen Leuten dann zu Nierenversagen gekommen."

Dadurch sei man dieser häufigen Nebenwirkung von Schmerzmedikamenten auf die Spur gekommen. Allein in Deutschland, so Müller-Schwefe sei etwa ein Drittel der Nieren-Patienten an der Dialyse, weil sie Schmerzmittel in hohen Dosen genommen hätten. "Dabei sind die Nieren kaputt gegangen. Jedes Jahr kommen etwa 6.000 neue Patienten hinzu."

Augenwischerei
Auch Ibuprofen ist frei verkäuflich. Patienten wenden es nicht nur bei Kopfschmerzen an. Es ist auch zur Behandlung verschiedener Entzündungsformen gedacht. 400 Milligramm dieses Medikamentes bekommt man ohne Rezept in jeder Apotheke.

Tabletten mit je 600 oder 800 Milligramm hingegen gibt der Apotheker nur raus, wenn es der Arzt verschrieben hat. Daraus ergibt sich nach Adam Riese ein einfaches Rechenexempel: Da nehme ich doch zweimal 400 mg und bin dann auch bei der verschreibungspflichtigen Menge angelangt.

"Einige dieser Schmerzmittel sind in Deutschland nur deshalb frei verkäuflich, weil sie uralt sind," sagt Müller-Schwefe. "Sie sind oft vor zig Jahren synthetisiert und nie sorgfältig untersucht worden. Würden diese Medikamente heutzutage eine Zulassung durchlaufen, wäre keines dieser Medikamente auf dem Markt." Davon ist der Schmerztherapeut überzeugt. "Sie würden alle an den Zulassungskriterien scheitern."

Eine schlechte Kombination
Aspirin und Ibuprfen: Es gibt viele Patienten, die Aspirin als Prophylaxe bei Herzerkrankungen als Blutverdünner nehmen, damit die Blutplättchen nicht so leicht verkleben und um einer Gerinnung vorzubeugen. "Wenn man zuerst das Aspirin nimmt und hinterher Ibuprofen für Kopfschmerzen, dann funktioniert das", erklärt Müller-Schwefe. "Aber wenn man erst das Ibuprofen nimmt und dann das Aspirin, dann sind die entsprechenden Enzyme so lange durch das Ibuprofen geblockt, dass das Aspirin gar nicht wirken kann. Dann hat der Patient ein erhöhtes Blutgerinnungsrisiko und bekommt vielleicht einen Schlaganfall, eine Embolie."

Zu dieser und anderen möglichen Nebenwirkungen gibt es sicherlich irgendwo im Kleingedruckten des Beipackzettels eine ausdrückliche Warnung, genauso wie zu einer möglichen Abhängigkeit, sofern das Medikament nicht nach Vorschrift eingenommen wird. Und selbst wenn diese Zeilen in einer verständlichen Sprache formuliert sind, kann der Laie die Gefahren und möglichen Wechselwirkungen kaum einschätzen. Also besser: Fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker.


Autorin/Autor Gudrun Heise

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13/10/2017

16953051 303 13.10.2017Darknet: Das düstere Internet

Waffen- und Drogenhandel, Kinderpornographie, Betrug - dafür nutzt mancher das Darknet. Aber nicht nur: Es bietet auch einen geschützten Raum für Oppositionelle in Diktaturen. Wie funktioniert eigentlich das Darknet?
 
 
 
Während Politiker oder Experten beim Internet gerne von einer "Datenautobahn" reden, ist das sogenannte "Darknet" die Seitenstraße - quasi der nicht ausgeschilderte Feldweg im Netz. Um den Weg hierein zu finden, muss man sich nicht nur mit der Technik auskennen, sondern auch selbst die Wege auskundschaften, die man dort nutzen will. Denn im Darknet gibt es kein Google und keine andere Suchmaschine, nur eine Art Katalog, in dem aber längst nicht alle vorhandenen Seiten verzeichnet sind. Und das ist von den Machern auch so gewollt: Denn das Darknet soll vor allem Anonymität bieten.
 
Das Darknet: Dezentral und anonym
Die beiden größten Unterschiede zwischen dem regulären Internet und dem Darknet: Das Darknet funktioniert dezentral und es ist vollständig anonymisiert. Das heißt im Wesentlichen, dass die beiden Netze von sehr unterschiedlichen Strukturen geprägt sind. Denn im Internet ist vieles zentral organisiert. Wer beispielsweise Facebook nutzt, loggt sich in das System ein und hinterlässt auf der Seite von Facebook seine Texte oder Bilder. Ein anderer Internetnutzer, der sich diese Informationen anschauen möchte, muss ebenfalls bei Facebook angemeldet und eingeloggt sein.

Zentraler Dreh- und Angelpunkt sind also die Server von Facebook, da dort alle von Nutzern hinterlassenen Informationen abgelegt werden. Und aus Datenschutzsicht ist dies auch der verwundbarste Teil des Netzes: Wer Zugriff auf die Server von Facebook, Google oder anderen großen Anbietern im Netz hat, kann die Nutzer der jeweiligen Dienste quasi durchleuchten - genau das soll der US-Geheimdienst NSA nach Angaben von Edward Snowden machen.

Das Darknet arbeitet dagegen ohne diese zentrale Struktur - jeder Computer ist zugleich Server, der aber immer nur einen Teil der benötigten Informationen – zudem verschlüsselt - speichert. Auch die Datenübertragung zwischen den einzelnen Rechnern im Darknet erfolgt anonymisiert, so dass Beobachter wie der Geheimdienst zwar Daten auffangen, mit diesen aber nichts anfangen können.

Auch die Meta-Daten können nichts verraten
Außerdem haben sich die Macher des Darknets noch einen weiteren Kniff überlegt, um das Netz zu anonymisieren: Die sogenannten Meta-Daten werden für Außenstehende ebenfalls unbrauchbar gemacht.

In der Regel sind in den Meta-Daten Empfänger- und Absende-PC notiert. Wer alle Kommunikation im regulären Internet auffängt, kann auf diese Art erkennen, welche Datenströme zwischen zwei Rechnern fließen. Und selbst wenn die eigentlichen Daten verschlüsselt sind, lässt sich so ermitteln, welche Rechner in Kontakt miteinander stehen und wie umfangreich der Datenaustausch ist - viel Spielraum für Lauschangriffe.

Im Darknet dagegen wird jedes Datenpaket über drei zufällig ausgewählte Rechner verschickt. Mit jeder Zwischenstation erhält das Datenpaket auf diese Weise eine andere Absende-Adresse - es ist am Ende nicht mehr nachvollziehbar, von welchem Rechner aus die Daten losgeschickt wurden. Allerdings wird das Darknet dadurch deutlich langsamer als das reguläre Internet.

Beliebt bei Oppositionellen - und Kriminellen
Mit dem Darknet hat sich ein Parallel-Netz etabliert, das vor allem Kriminelle anzuziehen scheint: Es gibt hier Marktplätze, wie "Silk Road" oder "Black Market Reloaded", auf denen bevorzugt Waffen, Drogen oder illegale Dienstleistungen angeboten werden. Wer keine Viren selbst programmieren kann, findet hier Hilfe. Auch anonymes Bezahlen ist möglich: Dazu nutzen Käufer und Verkäufer meist die Internet-Währung Bitcoin. Dabei werden Dateien anonym ausgetauscht; die Währung besteht aus eben diesen Dateien, die nicht beliebig vermehrt werden können, die sich aber ganz legal in reales Geld umtauschen lassen.

Auch bei Regierungsgegnern ist das Darknet beliebt. Jeder, der Zugang zum regulären Internet hat, kann sich - beispielsweise über die "Tor"-Software - mit dem Darknet verbinden. Auch Edward Snowden soll durch das Darknet Kontakt zu den Reportern des "Guardian" aufgenommen haben.

Zurück zu den traditionellen Ermittlungsmethoden
Für Geheimdienste oder die Polizei gibt es nur wenige Möglichkeiten, Nutzer im Darknet aufzuspüren. Daten abzufangen und zu analysieren, bringt hier nichts. Stattdessen versucht die Polizei, beispielsweise Drogendealern, auf andere Weise auf die Schliche zu kommen: Die Beamten treten selbst als Käufer auf; von den Verkäufern verschickte Pakete können zahlreiche Spuren für die Rückverfolgung bieten. Oder die Polizei versucht, ein Vertrauensverhältnis zum Drogenverkäufer aufzubauen und diesen dann irgendwann aus der Anonymität zu locken, zum Beispiel, indem man statt des Postversands der Drogen eine persönliche Übergabe einfordert.


Autorin/Autor Jörg Brunsmann

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12/10/2017

18928033 303 12.10.2017Che Guevara lebt, die Guerilla geht

Vom kommunistischen Kämpfer zum kapitalistischen Konsumschlager: 50 Jahre nach dem Tod Che Guevaras ist das politische Erbe des Revolutionsführers verblasst. Heute führen soziale Bewegungen seinen Kampf fort.
 
 
 
 
Sogar die FARC hat sich von ihm verabschiedet. Seitdem die Rebellen in Kolumbien ihre Waffen abgegeben haben, bestimmt Che Guevara nicht mehr ihren Alltag. Bis vor kurzem zierte sein Konterfei noch die Uniformen der Kämpfer im kolumbianischen Urwald. Nun müssen sie ohne ihn klarkommen.

Am 9. Oktober jährt sich der Todestag von Ernesto "Che" Guevara zum 50. Mal. Weltruhm erlangte der 1928 in Argentinien geborene Arzt, Revolutionär und Guerillero, als er von 1956 bis 1959 die kubanische Revolution anführte, gemeinsam mit seinem Mitstreiter und späteren kubanischen Staatschef Fidel Castro (1926-2016). Che wurde eine ihrer wichtigsten Symbolfiguren. Seine politischen Posten in Kuba verließ er später, um Revolutionen im Kongo und in Bolivien voranzubringen. 1967 wurde er von bolivianischen Regierungstruppen gefangen genommen und erschossen.

Was ist von seinen Botschaften nach dem Ende des Kalten Krieges, der Annäherung zwischen Kuba und den USA und dem Tod Fidel Castros geblieben? Dient er außerhalb Kubas der politischen Linken noch als Ikone und Inspiration?

Aus der Zeit gefallen
"Als politische Gestalt ist Che längst beerdigt worden, aber als Revolutionsführer, Pop-Ikone und Lichtgestalt der Studentenbewegung der 1968er Jahre fristet er immer noch ein Nachleben", meint Matthias Rüb, Lateinamerika-Korrespondent der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", im DW-Gespräch.

In seiner jüngst erschienenen Biographie Che Guevaras beschäftigt sich Rüb nicht nur mit den Aufzeichnungen des Revolutionsführers, sondern auch mit dessen politischer Rezeption. Seine Bilanz: "Obwohl Che heute wie aus der Zeit gefallen wirkt, ist er als Symbolfigur für Anti-Amerikanismus nie schwächer geworden."

Feiert der Patron der Globalisierungskritiker und Held linker Befreiungsbewegungen in der Ära Trump also eine unverhoffte Wiederauferstehung? Für Guevara-Experte Rüb ist das nicht ausgeschlossen. "US-Präsident Donald Trump tut alles dafür, dass der Anti-Amerikanismus wieder auflebt und Che womöglich ein Nachleben im Nachleben erlebt."

"Christus mit der Knarre"
In Deutschland ist der Blick auf Che Guevara vor allem durch die jüngste deutsch-deutsche Geschichte geprägt. Während der ostdeutsche Liedermacher Wolf Biermann Guevara einst als "Jesus Christus mit der Knarre" bezeichnete, sah ihn Literaturwissenschaftler Richard Herzinger als "unerbittlichen Doktrinär, dessen Denken und Handeln von obsessiver Verherrlichung von Gewalt und Tod beherrscht war".

Selbst innerhalb der Linkspartei gibt es Meinungsverschiedenheiten über Che. "Bei uns im Büro in Karlsruhe hängt ein Plakat von Che und neulich wurde in der Soli-Bewegung über dessen Homophobie diskutiert", erzählt Michel Brandt, der erstmals für die Linke in den Bundestag eingezogen ist und mit 27 Jahren zu den jüngsten Abgeordneten zählt.

Während die älteren Parteimitglieder Che verteidigten, hätten sich die Jüngeren gefragt, ob das Plakat noch angemessen sei. Einige seien der Auffassung gewesen, das passe doch gar nicht mehr zur politischen Ausrichtung der Linken.

Absage an den bewaffneten Kampf
Für die Linkspolitikerin Heike Hänsel, 51, ist Che Guevara "nach wie vor der wichtigste Werbeträger Kubas und in der Solidaritätsbewegung als Symbol unverzichtbar". Denn: "Es geht um die Botschaft. Für die Linke ist es ein wichtiger Punkt, sich nicht mit Ausbeutung und Imperialismus abzufinden."

Einen bewaffneten Kampf für soziale Gerechtigkeit und Sozialismus, wie er einst Che Guevara vorschwebte, lehnt Hänsel allerdings ab. "Es gibt so viele Kriegseinsätze, Konfliktherde und Bürgerkriege, dass es unverantwortbar ist, den bewaffneten Kampf zu propagieren", stellt sie klar. Angesichts der modernen Militärtechnik sei es heute wahnsinnig, mit Waffen politische Ziele durchsetzen zu wollen.

Der ehemalige mexikanische Außenminister Jorge Castañeda begann schon vor 20 Jahren mit der Demontage des rastlosen Revolutionsführers. "Guevaras Ideen, sein Leben, sein Werk, seine Vorbildhaftigkeit gehören der Vergangenheit an. Daher werden sie nie wieder aktuell sein", schrieb er in seiner 1997 auch auf Deutsch.

Zum damaligen Zeitpunkt waren Castañedas Äußerungen in Lateinamerika skandalös. Denn Guevara war und ist politische Inspiration für Kritiker der neoliberalen, von Washington unterstützten Wirtschaftspolitik, die in Argentinien zum Staatsbankrott führte. Die Wahlsiege der politischen Linken Anfang 2000 verhalfen Guevara zu einem historischen Comeback in der Region.

Che und Franziskus: Brüder im Geiste
Für Che Guevara-Biograph Matthias Rüb führen in Lateinamerika heute die sozialen Bewegungen den Kampf des kubanischen Revolutionsführers fort. "Es gibt nicht mehr den einen Großrevolutionär. Der Kampf gegen die sozialen Gegensätze ist in Lateinamerika noch lebendig, aber er wird heute von Kollektiven und sozialen Bewegungen gelebt, die auf friedlichem Wege zu ihrem Recht kommen wollen."

Auch Papst Franziskus, Argentinier wie Che Guevara, gehört für Rüb dazu. "Dieser Papst ist einer, der versucht, Ches Erbe auf friedlichem Wege fortzuführen, und dies bedeutet in Lateinamerika vor allem die Überwindung der krassen sozialen Ungerechtigkeit." Rübs Fazit: "Ein wenig überspitzt kann man sagen: Der Papst ist der neue Che Guevara."

Autorin/Autor Astrid Prange

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11/10/2017

19181216 303 11.10.2017Immer mehr chronische Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen

Rheuma, Diabetes, Asthma, Darmerkrankungen & Co bringen wir meistens mit älteren Menschen in Verbindung. Stimmt nicht! Immer mehr Kinder und Jugendliche leiden darunter - Tendenz steigend.
 
 

In Deutschland und anderen Industrieländern nehmen die chronischen Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen in erschreckendem Maße zu. Darin sind sich Experten einig. Für diese Entwicklung gibt es verschiedene Gründe. "Es gibt immer mehr Frühgeborene", sagt Professor Michael Radke. "Sie haben ein hohes Risiko, chronische Krankheiten zu entwickeln. Wir verzeichnen eine dramatische Zunahme an Autoimmunerkrankungen, und seit etwa 50 Jahren einen deutlichen Rückgang von Infektionskrankheiten." Das hängt miteinander zusammen: Das Immunsystem lernt nicht mehr, die Infektionen zu bekämpfen und eine ausreichende Abwehr dagegen aufzubauen.

Mehr als elf Prozent aller Mädchen und rund 16 Prozent aller Jungen unter 17 Jahren sind wegen chronischer Erkrankungen in ärztlicher Behandlung, so eine Studie des Robert-Koch-Instituts. Viele leiden unter Neurodermitis, unter Krebserkrankungen oder auch unter Zölikalie, also Glutenunverträglichkeit.

Generation Sagrotan
Verschiedene Studien haben gezeigt, dass Kinder, die auf einem Bauernhof groß werden, wesentlich seltener etwa an Asthma leiden als zum Beispiel Kinder in wohlbehüteten Familien in der Stadt. Grund dafür ist unter anderem, dass die Landkinder täglich Bakterien aufnehmen und sich ihr Körper damit auseinandersetzen muss.

"Überzogene Hygiene und die fast hysterische Angst vor irgendwelchen kleinen Schmutzpartikeln, die ein Kleinkind so zu sich nimmt, das grenzt schon ein bisschen an irrationales Vorgehen und ist wahrscheinlich ein Teil des Problems", so Kinderarzt Radke.

"Man muss nicht gleich hysterisch schreien, wenn ein Kind mal eine Möhre aus dem Garten der Oma zieht und die Möhre einfach isst, obwohl sie nicht zu 100 Prozent hygienisch ist. So kann natürlich auch Dreck in den Magen kommen. Wo ist da das Problem?"

Natürlich sei er gegen Hunde in Sandkästen und dafür, dass Hygienegrundsätze eingehalten würden. Viele Fachleute aber sind überzeugt, dass es falsch ist, alle Bakterien im Haushalt zu vernichten und dass es wahrscheinlich mehr Schaden als Nutzen bringt. Das gilt auch für Chemikalien und Putzmittel, die gerade in Haushalten oft bedenkenlos eingesetzt werden, mit besten Absichten.

Bakterien schützen
Antibiotika in der Massentierhaltung sind weitere Gründe für ein schlecht oder gar nicht funktionierendes Immunsystem. Lebensmittel von heute sind meist sehr lange haltbar. Sie sind sterilisiert, ultrahoch erhitzt oder pasteurisiert. Alle Bakterien sind abgetötet.

"Das Immunsystem eines Kleinkindes ist darauf angewiesen, sich mit Bakterien und Viren aus der Umwelt auseinanderzusetzen. Wenn das über lange Zeit fehlt, weil die Kinder mit sterilen Lebensmitteln ernährt werden, ist es kein Wunder, wenn das Immunsystem irgendwann auf Abwege gerät und dann gegen den eigenen Körper Entzündungsprozesse in Gang setzt."

Früher war alles besser?
In den letzten 20 bis 30 Jahren haben sich immer häufiger chronische Krankheiten bei Kindern und Jugendlichen entwickelt. Michael Radke hat diese Erfahrung in seiner langjährigen Praxis als Kinderarzt und Leiter zweier Kinderkliniken immer wieder machen müssen. Er ist Spezialist für Magen-Darm-Erkrankungen.

"In den 1980er Jahren etwa gab es von 1000 Neugeborenen vielleicht zwei Kinder mit einer Glutenunverträglichkeit. Heute sind es fünfmal so viele". Auch viele andere Erkrankungen bereiten dem Arzt Sorge: "Wir haben heute in unserer Klinik jeden Monat einen neuen Patienten mit einem Diabetes. Wir haben sogar Säuglinge mit Diabetes. Das ist sehr beängstigend, denn das heißt für das Kind, dass es lebenslang Insulin nehmen muss – zumindest nach dem heutigen Stand der Wissenschaft."

Kaiserschnitt und Babymilch
Oft ziehen Frauen einen Kaiserschnitt einer natürlichen Geburt vor. Im Geburtskanal aber kommt das Neugeborene sofort mit Bakterien in Berührung, der Körper muss sich wehren. Auch Muttermilch ist dafür wichtig, denn sie wirkt wie eine erste Impfung. Sie hilft, ein gesundes Immunsystem aufzubauen und sich gegen Allergien zu wappnen. In den ersten Wochen unterstützt Muttermilch die Verdauung und schützt vor Darminfektionen. Kinder, die mit fertiger Babynahrung gefüttert werden, haben diese Vorteile nicht. Das muss nicht notwendigerweise zu chronischen Erkrankungen führen, kann aber ein erhöhtes Risiko dafür bieten.

Ein Risikofaktor ist absurderweise auch der Fortschritt in der Medizin. Frühchen hatten vor etlichen Jahren kaum Überlebenschancen. Heute ist das in den meisten Fällen kein Problem mehr. Aber bei so manchem extrem frühgeborenen Kind ist die Gefahr, eine chronische Erkrankung zu entwickeln, größer.

Zuviel Stress und falsche Ernährung
Kinder sind sehr vielen Umwelteinflüssen und verschiedenen Eindrücken ausgesetzt. In manchen Familien laste ein großer Druck auf den Kindern. Viele können diesen nicht bewältigen: hohe Anforderungen in der Schule, Freizeitstress, ständige Erreichbarkeit übers Handy. "Ich bin nicht sicher, ob Kindern heute noch genug Freiraum gelassen wird, ihre eigene Welt zu entdecken und sich zu entwickeln", sagt Radke.

Mangelnde Bewegung und falsche Ernährung, begünstigen ebenfalls chronische Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen. Dazu gehört vor allem Adipositas, also Fettleibigkeit. Eine weltweite Studie der WHO von 2016 ergab, dass 41 Millionen Kinder zu dick sind. Auch hier ist die Tendenz steigend. Andere Untersuchungen haben gezeigt, dass Kinder, die in der Nähe von Fastfood-Restaurants leben, erheblich häufiger unter Adipositas leiden.

Fachärzte sterben aus
Für Erwachsene gibt es Spezialisten in den verschiedensten Bereichen – von Kardiologen, über Diabetologen bis hin zu Neurologen. Für Kinder und Jugendliche ist dafür der niedergelassene Kinderarzt zuständig oder aber die nächstgelegene Klinik. Aber die Ausbildung etwa zum Kinderdiabetologen dauert lange. "Sie müssen sechs Jahre studieren, fünf Jahre Fachausbildung absolvieren und dann noch drei Jahre lang eine Spezialausbildung zum Kinderdiabetologen machen", erklärt Radke. "Für diese Spezialausbildung gibt es in Deutschland aber keine Resourcen. In fünf bis zehn Jahren gibt es keine Spezialisten mehr. Ein zweijähriges Kind mit Diabetes muss dann zum Diabetologen für Erwachsene, aber der kennt sich meist nur mit alten Menschen aus, nicht mit Kleinkindern."

Um Kinder und Jugendliche mit chronischen Krankheiten ist es in Deutschland also nicht gut bestellt. Und die Forschung steckt da im wahrsten Sinne des Wortes noch in den Kinderschuhen.

Autorin/Autor Gudrun Heise

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10/10/2017

40817018 303 10.10.2017Cool bleiben: Bundeskunsthalle Bonn zeigt Ausstellung über das Wetter

Jahrhundertdürren, Dauerregen, Überflutungen: Wetterberichte gleichen heutzutage nicht selten Unwetterberichten. Eine Ausstellung in Bonn deckt die kulturellen Seiten von Wind und Wetter auf.
 
 

Sie heißen Irma, Matthew oder Xavier und bringen Stürme, Flutwellen und kaputte Häuser mit sich. Extreme Naturgewalten wie zuletzt in den USA, als Hurrikan Harvey Texas lahmlegte, werfen die Frage auf, wie es um das Klima weltweit steht.

Auch vor der Haustür häufen sich die Unwetter. Gerade erst hat der Orkan Xavier Deutschlands Bahnverkehr lahmgelegt, Bäume entwurzelt, Menschenleben gefordert. Das Thema Wetter liegt im wahrsten Sinne des Wortes in der Luft. Allerdings scheint beim Kampf "Kapitalismus gegen Klima" Letzteres den Kürzeren zu ziehen. Schon jetzt treibt der Klimawandel Tausende Menschen in die Flucht. Nicht nur Kriege, sondern auch die Folgen der Erderwärmung sorgen dafür, dass ganze Regionen ausdünnen. Die Folgen der Erderwärmung sind überall sichtbar: Der Indische Ozean frisst Inseln auf, und was Eisschmelze bedeutet, lässt sich inzwischen sogar an den Alpen ablesen.

Klimagipfel in Bonn im November
Die Gefahren des Klimawandels sind auch beim internationalen Klimagipfel COP 23 in Bonn Thema, der jährlichen Konferenz der Vertragsstaaten der Klimarahmenkonvention der Vereinten Nationen (6. bis 17. November 2017). Die Bundeskunsthalle, die sich nur wenige hundert Meter vom Gipfel entfernt befindet, lädt mit ihrer Ausstellung "Wetterbericht. Über Wetterkultur und Klimawissenschaft" zu einem turbulenten Rundumschlag, indem sie fragt: Wie hat sich das Wetter in Kunst und Kultur verewigt?

Schon immer war das Wetter für die Menschheit wichtig. Wettergötter wurden im Laufe der Jahrhunderte durch professionell erstellte Wettervorhersagen ersetzt. Die erste Wetterstation entstand 1780. Die "Societas Meteorologica Palatina" wurde von Kurfürst Carl Theodor von der Pfalz gegründet. Das Sammeln von Wetterdaten und der Vergleich waren das Ziel des Mannheimers. Auch der Aberglaube unter Seeleuten, wie er in einem Wörterbuch des Aberglaubens in der Ausstellung zitiert wird, dass das Pfeifen auf dem Meer Sturm verursacht, wich der Aufklärung, die mit Hilfe von Hygrometern, Barometern und Thermometern vorangetrieben wurde.

Exponate verschiedenster Art
Zu den rund 400 Ausstellungsstücken in der Bundeskunsthalle, die bis zum 4. März 2018 in Bonn zu sehen sind, gehören Gemälde berühmter Künstler wie William Turner, Gustave Courbet oder auch Gerhard Richter. Zudem erzählen zahlreiche kulturhistorische Objekte wie die Regenbringer-Figuren der Pueblo-Indianer aus dem Südosten der USA, wie indigene Völker das Wetter erlebten. Auch ein Fußballschuh von Fritz Walter liegt in einer Vitrine: Er verhalf der deutschen Nationalmannschaft 1954 zum Sieg, weil die Fußballer mit ihren Stollen auf dem regennassen Untergrund nicht wegrutschten.

Ein Tag zum Nacherleben
Das Konzept der Schau basiert auf einem Tagesablauf. Im ersten Kapitel, Morgendämmerung, wird die Entstehung von Tautropfen genauso erklärt wie Luft- und Wolkenströmungen auf einem virtuell animierten Globus. Das sechsteilige Wolkengemälde von Gerhard Richter basiert nicht auf Naturbeobachtungen, sondern auf Fotografien und spielt mit dem Wunsch der Menschen, die Natur möglichst genau festzuhalten.

In zwölf Unterkapiteln führt die Ausstellung in die verschiedenen Wetterszenarien ein: Sonne, Luft, Regen, Schnee, Gewitter. Der ARD-Meteorologe Karsten Schwanke zitiert auf einem Monitor aus einem Lexikon des Aberglaubens.

Eine Überfülle an Exponaten, wie der erste Regenschuh, entworfen von Charles Mackintosh, oder Regenschirme aus aller Herren Länder und Epochen, räumen auch den alltäglichen Drangsalen des Wetters einen Platz ein. Sogar die Wetterhäuschen mit Sonnenfrau und Regenmann sind zu sehen. Die bekannten Souvenirs arbeiten mit Rosshaaren, die sich je nach Luftfeuchtigkeit ausdehnen, was die Frau oder den Mann aus ihrem Versteck lockt. Den größten Anteil aber haben kunsthistorisch bedeutsame Werke, die belegen, dass Künstler sich vor allem in der Romantik mit der emotionalen Seite des Wetters beschäftigten.

Blitze zum Anfassen
Am Ende der Ausstellung geht es laut zu: In einem Gitterkäfig werden echte Blitze erzeugt. Mit Kettenhandschuhen können die Besucher gefahrlos in den Käfig hineingreifen und den Blitz berühren. Der turbulente Rundgang lässt nichts aus und zeigt das Wetter in seinen schillerndsten Farben. Sogar ein originalgetreues Modell des ersten Wettersatelliten, den die USA am 1. April 1960 ins All schossen, steht in der Bundeskunsthalle.
Trotz des informativen Rundumschlags kann man sich allerdings nicht des Eindrucks erwehren, dass beim Schwelgen in Erinnerungen an alte Gerätschaften, Regenschutzumhänge und historische Gemälde die Brisanz des Themas Klimawandel zu kurz kommt. Da wäre es schön gewesen, wenn statt in die Vergangenheit in die Zukunft geschaut worden wäre. Nur so kann der Besucher den Ernst der Lage verstehen und Verantwortungsbewusstsein übernehmen.

Autorin/Autor Sabine Oelze

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09/10/2017
Wirtschaft

35957641 303 09.10.2017Google setzt auf künstliche Intelligenz


Google geht in die Offensive: Künstliche Intelligenz soll die Geräte des Konzerns smarter machen als die von Apple oder Samsung. Außerdem begleiten Dienste wie der Google Assistant die Nutzer durch ihren gesamten Alltag.


Google will mit Hilfe künstlicher Intelligenz smartere Geräte für verschiedene Lebenslagen bauen und sich so von den großen Hardware-Rivalen Apple und Samsung abheben. Der Internet-Riese stellte am Mittwoch neben neuen Smartphone-Modellen auch zwei vernetzte Lautsprecher sowie eine kleine Kamera vor, die selbst entscheiden soll, wann sie einen Schnappschuss oder ein kleines Video aufnimmt. In den meisten Geräten ist auch der Google Assistant an Bord, mit dem sich der Nutzer unterhalten kann. Seine Ambitionen im Smartphone-Geschäft untermauert Google mit neuen Modellen, die es mit teuren Konkurrenzgeräten von Apple und Samsung aufnehmen sollen.


Ein Jahr nach seinen ersten "Pixel"-Smartphones stellte der Internet-Konzern am Mittwoch ein "Pixel 2" in ähnlicher Größe sowie eine XL-Version mit 6-Zoll-Bildschirm vor. Bei ihr füllt das Display fast die gesamte Frontseite des Geräts bis auf Streifen für Lautsprecher am oberen und unteren Ende aus. Während Google bei den Geräten auf eher schlichtes Design setzt, soll die Expertise bei maschinellem Lernen und künstlicher Intelligenz den Unterschied machen. So ist in die Geräte der sprechende Google Assistant integriert. Die neue Funktion "Google Lens", bei der Inhalte im Bild erkannt werden können, funktioniert zunächst nur in der Foto-App - später soll es aber reichen, einfach die Smartphone-Kamera zum Beispiel auf ein Objekt oder ein Gebäude zu richten.


Vom Handy zur lernenden Maschine
Eine neue Anwendung für seine lernenden Maschinen findet Google bei der automatischen Musikerkennung: Bei eingeschalteter Funktion identifiziert das Telefon alle Songs, die in seiner Umgebung laufen und blendet die Titel ein. Über die Benachrichtigungen können sie dann zum Beispiel bei der hauseigenen Videoplattform YouTube abgerufen werden. Zum Erkennen sind "Fingerabdrücke" von zehntausenden Songs direkt auf dem Gerät gespeichert und werden wöchentlich aktualisiert. Eine Herausforderung für eine solche Funktion sei bereits schon, die Musik von Umgebungsgeräuschen zu unterscheiden, sagte Produktmanager Matt Kulick.


Bei der Kamera bekommen die "Pixels" nun auch die zuvor von Apple eingeführte "Porträt"-Funktion, bei der der Hintergrund per Software verschwommen dargestellt wird. Dadurch sollen die Smartphone-Fotos denen von einer Spiegelreflexkamera ähnlich sehen. Apples iPhones nutzen dafür eine Doppel-Kamera - Google erklärt stattdessen, dank eines Bildsensors mit kombinierten Pixeln mit nur einer Linse auszukommen. Zusätzlich wird der "Porträt"-Effekt auch für die Selfie-Kamera eingeführt - allerdings nur per Software erstellt. Ähnlich wie bei Apple gibt es auf den Telefonen nun auch "lebendige" Fotos, die einige Sekunden Bewegung einfangen. Google verspricht dabei, dass Software automatisch erkennt, ob sich ein solches Bild lohnt - oder die Bewegung dafür zu schnell ist und zu schlechten Ergebnissen führen würde. Das kleinere "Pixel 2" lässt Google wie das Vorjahresmodell vom Smartphone-Spezialisten HTC fertigen, die XL-Version wird von LG gebaut. Google hatte jüngst angekündigt, bei HTC für 1,1 Milliarden Dollar Mitarbeiter der Entwicklungsabteilung sowie einige Patente zu übernehmen. Von einem HTC-Gerät bekamen die neuen "Pixel" auch eine ungewöhnliche Bedienfunktion. Drückt man die Telefone in der unteren Hälfte zusammen, wird der Google Assistant aktiviert. Dabei hat man das Gefühl, dass das Aluminium-Gehäuse nachgibt - das ist aber nur ein Effekt, der von kleinen Motoren erzeugt wird. Anders als Apple bei seinem neuen iPhone X setzt Google bei den "Pixel 2"-Modellen weiterhin auf den Fingerabdruck-Sensor statt Gesichtserkennung und verzichtet auf kabelloses Laden. Das "Pixel 2" wird in Deutschland ab 799 Euro verkauft und die XL-Version ab 939 Euro.


Kamera mit Eigenleben
Google betonte zuletzt immer wieder, der Konzern meine es ernst mit dem eigenen Hardware-Geschäft. Neben Smartphones gehört zum Angebot auch der smarte Lautsprecher Google Home. Davon gibt es zum Weihnachtsgeschäft neu eine Mini-Version zum Kampfpreis von 50 Dollar. Außerdem kündigte der Konzern das 399 Dollar teure Modell Google Home Max an, bei dem künstliche Intelligenz dabei helfen soll, den Hifi-Sound an den jeweiligen Raum anzupassen. Als erstes Hybridgerät aus Laptop und Tablet mit dem Google Assistant an Bord wurde das PixelBook mit 12,3-Zoll-Bildschirm zum Preis von 999 Dollar vorgestellt.


Ein innovatives Gerät ist die Kamera Google Clips, die selbst entscheidet, wann sie sieben Sekunden lange Videos aufnimmt, aus denen die Nutzer dann auch Fotos aussuchen können. Die 249 Dollar teure Kamera kann auch Menschen und Tiere erkennen. Google betont, dass die Daten grundsätzlich verschlüsselt auf dem Gerät bleiben, bis man sie zum Bearbeiten auf ein Smartphone exportiert. Bei seinen eigenen Smartphones muss Google zugleich aufpassen, nicht die vielen Hersteller von Geräten mit seinem Mobil-System Android zu verärgern. Die Hardware-Sparte sei deshalb innerhalb von Google von der Android-Entwicklung isoliert und werde genauso wie andere Hersteller behandelt, heißt es. Das "Pixel" war allerdings im vergangenen Jahr zunächst das einzige Telefon mit dem damals neuen Google-Assistenten.


Google hatte einst auf dem Höhepunkt des Patentstreits der Android-Welt mit Apple im Jahr 2012 den US-Handy-Pionier Motorola für 12,5 Milliarden Dollar gekauft. Keine zwei Jahre später wurde Motorola für 2,9 Milliarden Dollar an den chinesischen PC-Hersteller Lenovo weitergereicht, Google behielt aber einen Großteil der Patente. Wegen Motorola soll es unter anderem Spannungen mit Samsung gegeben haben, weil der Smartphone-Marktführer über die Konkurrenz durch den Android-Entwickler Google unglücklich gewesen sei.


Autorin/Autor Andrej Sokolow

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06/10/2017
Quelle: http://www.dw.com/de/arabischer-menschenrechtsfilmpreis-soll-filmemacher-st%C3%A4rken/a-40782292

Filme


40784277 404 06Arabischer Menschenrechtsfilmpreis soll Filmemacher stärken


Premiere auf dem 10. Internationalen Filmfestival der Menschenrechte in Nürnberg: Zum ersten Mal wird hier der arabische Menschenrechtsfilmpreis Anhar Award verliehen.
 
 

Die chinesische Dokumentation "Ta'ang" erhält den mit 2500 Euro dotierten Preis. Der Film begleitet die gleichnamige Volksgruppe auf ihrem unfreiwilligen Weg durch das vom Bürgerkrieg zerrissene Birma nach China. Regisseur Wang Bing erzähle in seinem Film "die Geschichte einer ethnischen Gruppe als Metapher für Kriegsgeflüchtete aller Zeiten und Orte", erklärte die Jury. Den Publikumspreis in Höhe von 1000 Euro gewinnt "The War Show". Der syrische Kriegsfilm folgt einer Radio-DJane in Damaskus, die mit ihrer Kamera den Wandel einer friedlichen Revolution im Jahr 2011 hin zu einem Bürgerkrieg 2013 dokumentiert.


Dass die erste Preisverleihung vom Anhar Award in Nürnberg stattfindet, ist ein Dankeschön an Festivalchefin Andrea Kuhn und ihr Team. Das Internationale Filmfestival der Menschenrechte NIHRFF hat in den vergangenen Jahren maßgeblich dabei mitgeholfen, Menschenrechtsfilmfestivals in verschiedenen arabischen Ländern zu begründen - zwar nicht mit eigenem Budget, jedoch mit Knowhow und Kontakten zu Geldgebern und Filmverleihern. Menschenrechtsfilmfestivals gibt es inzwischen im Libanon, im Sudan sowie in Jordanien, Ägypten, Mauretanien, Tunesien, Marokko (Artikelbild: Filmszene aus dem marokkanischen Film "Headbang Lullaby" von Regisseur Hicham Lasri), Palästina und Syrien. Sie haben sich zum "Arab Network For Human Rights Films ANHAR" zusammengeschlossen.


Zwar sind die meisten arabischen Filmfestivals keine großen Publikumsmagneten. Aber allein ihre Existenz setze ein Ausrufezeichen, meint Andrea Kuhn, die Nürnberger Festivalchefin: "In einigen Ländern wird es schon als Provokation empfunden, den Begriff Menschenrechte im Namen zu haben. Die Idee der Menschenrechte wird in diesen Gesellschaften eher als ein westliches Konzept verstanden und nicht als unveräußerlich und universell gültig." Der Anhar Award soll nach den Worten von Sawsan Darwaza, jordanische Filmemacherin und Leiterin des Anhar-Netzwerks, die Idee der Menschenrechte im arabischen Raum weiterverbreiten. "Wir wollen sichtbar sein und wahrgenommen werden." Zudem gehe es darum, den arabischen Menschenrechtsfilm auch einem internationalen Publikum nahezubringen.


Fingerspitzengefühl bei der Filmauswahl

Bei der Auswahl geeigneter Filme kann die Nürnberger Festivalchefin Andrea Kuhn nur bedingt helfen. Da die arabischen Filmfestivals von vielen Machthabern kritisch beäugt würden, sei viel Fingerspitzengefühl gefragt. "Bestimmte Tabus darfst du einfach nicht brechen", sagt Kuhn gegenüber DW. So sei es etwa in manchen Ländern nicht möglich, eine Beziehung zwischen unverheirateten Paaren auch nur anzudeuten. Für die Festivalmacher sei es ein Balanceakt, einerseits Grenzen auszutesten, um in der Gesellschaft etwas zu bewegen, andererseits aber kein Verbot zu riskieren.


Nach Angaben der Veranstalter kamen seit 27. September erneut mehr als 10.000 Besucher zum Filmfest. Das größte Festival seiner Art endet am Mittwochabend (04. Oktober) mit den Gewinnerfilmen und einem Konzert in der Nürnberger Tafelhalle.


Autorin/Autor Karin Goeckel

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05/10/17
Quelle: http://www.dw.com/de/yves-saint-laurent-museum-in-paris-er%C3%B6ffnet/a-40782845

Kunst


40779269 401 05Yves Saint Laurent-Museum in Paris eröffnet

Gleich zwei Museen sollen das künstlerische Erbe des Modeschöpfers Yves Saint Laurent bewahren: in Paris und in Marrakesch. Zur Eröffnung waren nur Promis geladen. Ab 3. Oktober darf sich das Publikum umsehen.

 

Es heißt, die Mode sei flüchtig. Doch in der Geschichte der Mode gab es schon immer innovative, zeitlose Entwürfe, die Trends und Modeströmungen noch Jahrzehnte danach beeinflusst haben - moderne Klassiker. Der Hosenanzug des verstorbenen Modeschöpfers Yves Saint Laurent ist so ein legendäres Kleidungsstück. "Le Smoking", 1966 von Saint Laurent als Sensation auf dem Laufsteg präsentiert, hat längst Kulturgeschichte geschrieben. Filmstars wie Catherine Deneuve haben ihn ebenso getragen wie Star-Model Claudia Schiffer.


Saint Laurent und Lagerfeld: Vom Kollegen zum Erzrivalen
Die Karriere von dem am 1. August 1936 im algerischen Oran geborenen Yves Saint Laurent beginnt in Paris. Und hier nimmt auch eine der berühmtesten Fehden zwischen zwei Modeschöpfern (und Modehäusern) ihren Anfang. Zu Beginn ihrer Karriere ist die Beziehung zwischen Saint Laurent und dem deutschen Designer Karl Lagerfeld noch freundschaftlich-kollegial. Beide gewinnen 1954 hochdotierte Preise im Modewettbewerb des Internationalen Wollsekretariates (?). Yves Saint Laurent ist gerade 18 Jahre alt als er mit zwei Entwürfen für Abendkleider den ersten und dritten Platz belegt. Der 21-jährige Karl Lagerfeld wird für einen futuristischen Mantelentwurf ausgezeichnet. Beide werden aus 6000 Skizzen ausgewählt. Zwei aufgehende Sterne am Modehimmel: Künstler und Ausnahmetalente zugleich, innovativ und futuristisch.
Sie hatten viele Gemeinsamkeiten, nicht zuletzt waren beide junge Männer aus der Provinz, die von Paris träumten, schreibt die Modejournalistin Alicia Drake in ihrem 2006 veröffentlichten Buch "The Beautiful Fall: Fashion, Genius and Glorious Excess in 1970s Paris". Der kometenhafte Aufstieg der beiden Nachwuchsdesigner in den Olymp der Modebranche wird hier erzählt - und welche intime Rolle ein junger Mann namens Jacques de Bascher darin spielte.


Gemeinsamer Liebhaber
2017 erschien außerdem eine spektakuläre Biografie über den Lebemann und Bonvivant Jacques de Bascher, der bis zu seinem Tod 1989 Lebenspartner von Karl Lagerfeld war - und in den 1970er Jahren eine längere Affäre mit Konkurrent Yves Saint Laurent hatte.
Bascher soll eine große Inspirationsquelle für Saint Laurent gewesen sein. Und der zentrale Grund für die jahrzehntelange Fehde zwischen den beiden erfolgreichen Modehäuser YSL und Chanel, wie die Journalistin Marie Ottavi in ihrem Buch schreibt. Dafür hat sie zahlreiche Pariser Weggefährten und Insider der Modebranche interviewt. "Natürlich wusste ich von der Affaire mit Saint Laurent", sagt Karl Lagerfeld in einem Interview mit Ottavi. "Aber Pierre Bergé hat das zerschlagen."


Das Vermächtnis von Yves Saint Laurent

Heute ist das längst Geschichte. Yves Saint Laurent ist schon lange tot, sein Lebenspartner Pierre Bergé, das Geschäftsgenie im Hause YSL, starb vor wenigen Wochen im Alter von 86 Jahren in Paris. Und während "Modezar" Karl Lagerfeld (84) höchst lebendig seine Karriere als kreativer Modeschöpfer, Fotograf und weltweit anerkannter Künstler fortsetzt, wird das Vermächtnis von Yves Saint Laurent nun von den Modedesignern bewahrt, die er stark beeinflusst hat: Tom Ford, Marc Jacobs und Ralph Lauren.
Zu sehen ist dieses künstlerische Erbe der Marke YSL jetzt in gleich zwei Museen: in Marrakesch (Marokko) und in Paris. Der Lebenspartner von Saint Laurent, Pierre Bergé wollte das künstlerische Erbe seines langjährigen Geliebten an beiden Orten angemessen präsentieren. "Ich habe mein ganzes Leben damit verbracht, Yves Saint Laurent bei der Erschaffung seines Werks zu unterstützen", sagte er in einem seiner letzten Interview vor seinem Tod.
Das Yves Saint Laurent-Museum liegt in der Avenue Marceau Nr. 5, zwischen Eiffelturm und dem berühmten Pariser Prachtboulevard Champs-Elysée. Es ist der Ort, wo Modeschöpfer Saint Laurent jahrzehntelang seine berühmten Kollektionen entwarf und als "Haute Couture" maßschneidern ließ. Frankreichs Kulturministerin Francoise Nyssen hat das neue Yves Saint Laurent Museum in kleinem erlauchten VIP-Kreis eingeweiht, am 3. Oktober 2017 wird es offiziell eröffnet. Zu sehen ist in Paris auch der legendäre "Le Smoking", mit dem der junge Yves Saint Laurent die Emanzipation der Frau unterstützen wollte.


Am 17. Oktober 2017 wird das zweite Museum eröffnet - in Marrakesch, dem langjährigen zweiten Wohnsitz des Paares Yves Saint Laurent und Pierre Bergé.


Autorin/Autor Sabrina Cooper, Heike Mund

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04/10/2017
Bücher


19458252 303 04Literaturnobelpreis: Deutschsprachige Preisträger und Überraschungen à la Dylan

Kazuo Ishiguro bekommt den 114. Literaturnobelpreis. Zu den bisherigen Preisträgern gehören auch 13 deutschsprachige Literaten wie Thomas Mann, Günter Grass und Herta Müller. Manch eine Verleihung sorgte für Wirbel.

 

Der erste deutschsprachige Autor, der den Literaturnobelpreis bekam, war 1902 Theodor Mommsen. Er gilt als einer der bedeutendsten Historiker des 19. Jahrhunderts. Die Auszeichnung bekam er für seine "Römische Geschichte", die bis heute noch Bedeutung für die Geschichtswissenschaft hat. Seine positive Charakterzeichnung von Julius Caesar etwa beeinflusste die deutsche Forschung fast ein Jahrhundert lang. Mehr als 30 Jahre hatte Mommsen an seinem umfassenden Werk geschrieben.
Mommsen, der unter anderem Professor an der Berliner Friedrich-Wilhelms-Universität war, war wegen seiner herrischen Art bei seinen Studenten unbeliebt. In Rom war er deutlich angesehener: Dort ernannte man ihn zum Ehrenbürger.
Als Bürgerschreck war dagegen Gerhart Hauptmann bekannt. Der Dramatiker brach in jungen Jahren reihenweise Tabus und schreckte die vornehme Gesellschaft auf. Sein Debüt, das drastische Sozialdrama "Vor Sonnenaufgang" um den Niedergang einer reichen Bauernfamilie durch Trunksucht, führte 1889 im Berliner Lessing-Theater zu Tumulten und bedeutete den Durchbruch des Naturalismus. Seine zentrale Botschaft: Der Mensch ist nicht selbstbestimmt, sondern wird entscheidend geprägt durch Vererbung, Milieu und Erziehung. Hauptmanns bedeutendstes Drama, "Die Weber" (1892) über den Weberaufstand 1844, wurde in seiner Sprache und seiner Darstellung realistischer "Volkstypen" als revolutionär angesehen. 1912 bekam er den Nobelpreis "für sein fruchtbares und vielseitiges Wirken im Bereich der dramatischen Dichtung."


Thomas Mann musste lange warten
Thomas Mann erhielt den Nobelpreis für seine Betrachtung einer gegensätzlichen Gesellschaftsschicht: "Buddenbrooks - Verfall einer Familie" erzählt vom Abstieg einer Lübecker Kaufmannsfamilie über vier Generationen hinweg und gilt als der erste große deutschsprachige Gesellschaftsroman. Als Vorlage diente dem Kaufmannssohn die eigene Familiengeschichte. Mit nur 26 Jahren veröffentlichte Mann dieses Epos im Jahr 1901. Die zweibändige Erstausgabe blieb weitgehend unbeachtet, den Durchbruch schaffte erst die einbändige zweite Auflage zwei Jahre später. Und auch dann dauerte es noch 26 Jahre, bis die Nobel-Jury Mann, der sich längst mit zahlreichen Werken als einer der wichtigsten Schriftsteller des 20. Jahrhunderts etabliert hatte, für die "Buddenbrooks" die Auszeichnung zusprach.
Er selbst war irritiert, dass sich der Preis fast ausschließlich auf die "Buddenbrooks" und nicht etwa auch auf "Der Zauberberg" und sein Gesamtwerk bezog - und ließ rückblickend dennoch Stolz durchscheinen: "Die sensationelle Auszeichnung (...) hatte, soviel ich wusste, schon mehr als einmal dicht über mir geschwebt und traf mich nicht unvorbereitet. Sie lag wohl auf meinem Wege - ich sage es ohne Überheblichkeit, aus gelassener, wenn auch nicht uninteressierter Einsicht in den Charakter meines Schicksals, meiner Rolle auf Erden, zu der nun einmal der zweideutige Glanz des Erfolges gehört und die ich durchaus menschlich betrachte, ohne viel geistiges Aufheben davon zu machen."


"Der Steppenwolf": Humor als Lösung
Thomas Mann war ein erklärter Bewunderer Hermann Hesses, der den Preis 17 Jahre nach ihm zugesprochen bekam. Hesse, in Baden-Württemberg geboren, wanderte später in die Schweiz aus, wo er Thomas Mann auf dessen Weg aus Nazi-Deutschland heraus Unterschlupf bot. Weltberühmt wurde Hesse mit der Erzählung "Der Steppenwolf", veröffentlicht 1927, die stark autobiografische Züge hat. Die Hauptfigur Harry Haller leidet unter der Zerrissenheit ihrer Persönlichkeit, der bürgerlichen, angepassten auf der einen, und der einsamen, sozialkritischen auf der anderen Seite. Die Überwindung dieses innereren Konflikts gelingt Haller schließlich mit Humor, der Fähigkeit, über sich selbst zu lachen.
Für ihre Gesamtwerke wurden Heinrich Böll (1972), Günter Grass (1999) und Herta Müller (2009) ausgezeichnet. Böll setzte sich in seinen Romanen, Kurzgeschichten, Essays und auch Hörspielen kritisch mit der jungen Bundesrepublik auseinander. Seine Erzählung "Die verlorene Ehre der Katharina Blum" aus dem Jahr 1974, die mit der Sensationsgier der Boulevardpresse abrechnet, gilt als sein bekanntestes Werk.
Den Durchbruch schaffte er jedoch bereits 1951 mit seiner Lesung der Satire "Die schwarzen Schafe" bei der Gruppe 47, einem deutschsprachigen Schriftstellertreffen, dessen Förderpreis sieben Jahre später auch Günter Grass erhielt. Die beiden teilten die Fronterfahrung des Zweiten Weltkriegs, beide waren engagierte Bürger und Personen des öffentlichen Lebens, die nicht nur Zuspruch, sondern auch viel Gegenwind bekamen.


Grass und das Schreiben: "Schlimmer sind nur Dichterlesungen vor Frauenkränzchen"

Politisch waren die beiden Linksintellektuellen durchaus nicht immer einer Meinung, doch Böll gab auf einer Postkarte an Grass seiner Freude Ausdruck, "dass wir beide - wohl, weil wir so verschieden sind! - zusammengekommen sind." Grass wiederum schrieb 2009 in seinem Essay "Als Heinrich Böll beerdigt wurde": "Geliebt, ja, im Ausland verehrt, gab er vielen Lesern und Zuhörern Orientierung und einen Begriff von Freiheit, der sich nicht auf die Marktwirtschaft beschränkte. Vielleicht war er deshalb einer Meute von Politikern und deren Claqueuren verhasst, bis zu seinem Todestag am 16. Juli 1986."
Grass bekam den Nobelpreis, weil er nach Ansicht der Jury "in munterschwarzen Farben das vergessene Gesicht der Geschichte gezeichnet hat." Mit "Die Blechtrommel", "Hundejahre" "Katz und Maus", der sogenannten "Danziger Triologie", prägte Grass den Kanon der deutschen Nachkriegsliteratur. Auch spätere Werke, etwa "Ein weites Feld" (1995) und das autobiografische "Beim Häuten der Zwiebel" (2006), in dem Grass von seiner Mitgliedschaft bei der Waffen-SS als 17-Jähriger schreibt, wurden viel beachtet und diskutiert. Dabei fiel es ihm nicht immer leicht, produktiv zu sein, wie er der Frankfurter Allgemeinen Zeitung 1999 gestand: "Das Schreiben ist eine schreckliche Tortur - schlimmer nur sind Dichterlesungen vor Frauenkränzchen." Bis zu seinem Tod im Jahr 2015 galt Grass als einer der wichtigsten Intellektuellen Deutschlands.


Herta Müller: Aus Rumänien nach Deutschland
Jüngstes Mitglied in der Reihe deutschsprachiger Preisträger und Preisträgerinnen ist Herta Müller. Müller, die 1953 in Rumänien geboren wurde und 1987 in die Bundesrepublik Deutschland ausreiste, erhielt den Nobelpreis für Literatur 2009. Sie setzt sich in ihren Werken mit den Folgen der kommunistischen Diktatur in Rumänien auseinander. Ihre Familie gehörte in Rumänien zur deutschen Minderheit, der Vater war Soldat der Waffen-SS, die Mutter wurde nach dem Zweiten Weltkrieg zu mehrjähriger Zwangsarbeit in ein ukrainisches Lager deportiert. In ihrem Roman "Atemschaukel" von 2009 zeichnet Müller die Deportation eines jungen Mannes in ein sowjet-ukrainisches Arbeitslager nach, das beispielhaft für das Schicksal der deutschen Bevölkerung in Siebenbürgen nach dem Zweiten Weltkrieg steht. Als Vorlage dienten ihr dabei die mündlichen Erinnerungen des Lyrikers Oskar Pastior, die sie aufgeschrieben hatte. Die Jury erklärte in ihrer Begründung, Müller habe "mittels Verdichtung der Poesie und Sachlichkeit der Prosa Landschaften der Heimatlosigkeit" gezeichnet.


Weitere deutschsprachige Preisträger sind Elfriede Jelinek (2004), Elias Canetti (1981), Nelly Sachs (1966), Carl Friedrich Georg Spitteler (1919), Paul Heyse (1910) und Rudolf Eucken (1908).


Autorin/Autor Katharina Abel

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03/10/2017
Bücher
 

40705875 303"Die Weltliteratur wird von Übersetzern gemacht" - Internationaler Übersetzertag 2017

Die UN hat den 30. September zum Internationalen Übersetzertag erklärt. Er soll die öffentliche Aufmerksamkeit auf die Bedeutung des Übersetzens lenken. Wir haben uns Gedanken gemacht: Hier unsere Fragen und Antworten.

 

1. Was ist Übersetzen?
Übersetzen bedeutet, sich mit einem Ausgangstext herumzuschlagen, um ihn mit Kunst und Interpretation in die Zielsprache zu bringen. Dabei geht es auch immer um Kultur-Übertragung, und um die Frage, wie sehr die Sprachbilder des Originals in der Übersetzung durchschimmern sollen. Dies wird seit Friedrich Schleiermacher diskutiert, der zu Beginn des 19. Jahrhunderts Platon übersetzte und als Begründer der deutschen Hermeneutik, der Lehrer von der Auslegung und Erklärung eines Textes oder eines Kunst- oder Musikwerkes, gilt. Wie wortgetreu soll also ein Text übertragen werden, wenn man beispielsweise auf Englisch "zwei Vögel mit einem Stein tötet" (to kill two birds with one stone)? Heute spricht man von "Wirkungstreue", das heißt: Statt wörtlicher Übersetzung steht die beabsichtigte Wirkung im Mittelpunkt. Bei diesem einfachen Beispiel darf man dementsprechend auf Deutsch "zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen". Viel schwieriger aber ist die ganze Thematik bei Lyrik.


2. Lässt sich Dichtung übersetzen?
Eigentlich nicht. Der Klang, der Rhythmus, die Alliterationen, die Assoziationen, die Bedeutungsfelder - nichts davon lässt sich ohne Verluste von der einen in die andere Sprache übertragen. Und trotzdem gibt es unzählige Übersetzungen zum Beispiel des chinesischen Daodejing (Taoteking), der lyrischen Sprüchesammlung, die dem Philosophen Laotse zugeschrieben wird. Die Interpretationen reichen vom Kriegsklassiker bis hin zum "Buch vom Sinn und Leben". Und die besten wurden dabei von Dichtern wie Klabund in den 1920er Jahren geschaffen, die selber gar kein Chinesisch konnten! Neugier und Kreativität können also einen neuen Bezugsrahmen schaffen, der die Verluste wettmacht.


3. Lohnt sich das Übersetzen?
Materiell betrachtet, gibt es einträglichere Tätigkeiten. Ein Auskommen können sich vielleicht noch Übersetzer von Gebrauchstexten erarbeiten: Gebrauchsanweisungen, Firmenkorrespondenzen, Dokumente, Gerichtsunterlagen. Aber schon bei wissenschaftlichen Texten und Sachbüchern wird die Sache knifflig: Einem enormen Zeitaufwand für die terminologische und die faktische Recherche stehen oft Seitenhonorare von unter 30 Euro gegenüber. Und für literarische Übersetzer ist der Lohn sehr karg. Das Durchschnitts-Honorar liegt bei knapp über 18 Euro pro Normseite, netto. Dies hat der Verband der Übersetzer ermittelt. Karin Krieger beispielsweise, die Übersetzerin der Romane von Elena Ferrante, schafft 100 Seiten im Monat. Wobei sie sicherlich zu den wenigen Übersetzerinnen gehören dürfte, die von einem Bestseller profitieren. A propos: Hätten Sie gewusst, wer die Neapel-Saga ins Deutsche brachte? Zum geringen Lohn kommt also auch noch wenig Ruhm...
Immateriell betrachtet: Natürlich lohnt es sich! "Spracherweiterungen sind Welterweiterungen", sagt der Übersetzer Ulrich Blumenbach. Übersetzen kann unendlich schwierig sein, an den Grenzen der Sprache operieren, wenn es um Lyrik, philosophische oder komplexe literarische Texte geht. Aber welche Welt hat Hans Wollschläger mit seiner kongenialen Übersetzung von James Joyce Roman "Ulysses" dem deutschsprachige Leser erschlossen!


4. Können Maschinen übersetzen?
Google Translate hat eine halbe Milliarde Nutzer im Monat. Der Google-Konkurrent Apple bietet die App iTranslate an, die aus neunzig Sprachen übersetzt. Für professionelle Nutzer sind weitere automatisierte Sprachdienste wie Linguatec oder Babylon im Angebot, und alle werden laufend besser. Der Markt für Übersetzungsdienste und Wörterbücher beträgt in Deutschland allein etwa eine Milliarde Euro. Künstliche Intelligenz auf Sprachübersetzungen anzusetzen, lohnt sich also. Das Problem dabei ist längst nicht mehr allein die Terminologie, das Erkennen von Wörtern. Es geht um Bilder, Konnotationen, ganze Texte. Die technischen Möglichkeiten, blitzschnelle Übersetzungen zu bekommen, werden dank Mustererkennung durch künstliche Intelligenz immer zielgenauer. Aber an Slang, Poesie und kreativem Sprachgebrauch dürften noch immer selbst die schlauesten Computer scheitern. Diesen Verdacht bestätigt die Probe: Wir haben Bertolt Brechts berühmtes Laotse-Gedicht aus der englischen Fassung John Willetts rückübersetzen lassen. Googles Übersetzungsdienst ergibt einigen Unsinn und wenig Brecht:
Einmal war er siebzig und bekam brittle
quiet Ruhestand schien der Lehrer fällig.
In seinem Land war die Güte ein wenig geschwächt,
und die Schlechtigkeit gewann wieder an Boden.
Also hat er sich auf den Schuh gebeugt.
Mit viel Spürsinn lässt sich vielleicht noch das Original der "Legende von der Entstehung des Buches Tao Te King auf dem Weg des Laotse in die Emigration" erkennen:
Als er Siebzig war und war gebrechlich
Drängte es den Lehrer doch nach Ruh
Denn die Güte war im Lande wieder einmal schwächlich
Und die Bosheit nahm an Kräften wieder einmal zu.
Und er gürtete die Schuh.
Die Qualität von John Willets englischer Übersetzung hat der Computer auf Deutsch weit verfehlt:
once he was seventy and getting brittle
quiet retirement seemed the teacher's due.
in his country goodness had been weakening a little
and the wickedness was gaining ground anew.
so he buckled on his shoe.


5. Gibt es berühmte Übersetzer?
Ja, aber wenige, angesichts der vielen stillen, für ihre kreative Leistung wenig gewürdigten Schreibtischsklaven. Johann Heinrich Voß ist für seine Übertragungen von Homers Ilias und Odyssee auch heute noch bekannt, August Wilhelm Schlegel für seine frühen Dante-, Calderon- und Shakespeare-Übersetzungen. Übersetzer wie Burkart Kroeber, Frank Heibert oder Bernhard Robben werden heutzutage oft in Verbindung mit den Schriftstellern, die sie ins Deutsche bringen, bekannt - wenn sie moderieren und mit ihnen gemeinsam auf dem Podium sitzen. Frank Heibert zum Beispiel mit der französischen Starautorin Yasmina Reza. Allein eine hervorragende Übersetzung anzufertigen, reicht in der Regel jedenfalls nicht, um Ruhm und Ehre zu erlangen. Die eigene kreative Leistung muss schon so groß sein, dass - wie bei Erika Fuchs' Disney-Nachschöpfungen - quasi ein neues Original und etwas Prägendes entsteht.
Daneben gibt es eine ganze Reihe von bekannten Autoren wie Peter Handke, die auch als Übersetzer Leistungen erbrachten, die sie vielleicht noch ein bisschen bekannter machten. Handke beispielsweise übersetzte Aischylos, Marguerite Duras, Jean Genet und viele andere Autoren aus dem Französischen. Immerhin: Im Netz findet sich eine eigene Liste zu den bekanntesten Übersetzerinnen und Übersetzern.
Nicht nur Schlegel, Handke und Murakami - viele bekannte Schriftsteller haben fremdsprachige Literatur übersetzt


6. Was und wie viel wird ins Deutsche übersetzt?
2016 kamen 12,3 Prozent aller von Verlagen publizierten Erst- und Neuauflagen aus anderen Sprachen. Das waren knapp 10.000 übersetzte Buchpremieren. Die Literatur ist dabei mit deutlich mehr als der Hälfte aller übersetzten Veröffentlichungen die anteilig größte Sachgruppe (2016 waren es genau 5737 Publikationen). Wie zu vermuten, kamen die meisten Übertragungen aus dem Englischen. An zweiter Stelle steht das Französische. Aber wer hätte gedacht, dass die drittwichtigste Ausgangssprache das Japanische ist, und zwar seit acht Jahren? Die meisten dieser Titel dürften dem Comic-Genre zuzuordnen sein, vor allem den Mangas.
Ein Viertel aller belletristischen Neuerscheinungen sind Übersetzungen. Auch in der Kinder- und Jugendliteratur wird immer mehr übersetzt, die Verlage setzen bei etwa 20 Prozent ihrer neuen Publikationen auf Geschichten aus dem Ausland. Bei den Bildergeschichten ist der Markt erst recht ganz klar international orientiert, hier werden sogar etwa Dreiviertel aus einer Fremdsprache übersetzt.


7. Und was wird aus dem Deutschen übersetzt?
Die deutschen Verlagshäuser können einen schwunghaften Handel mit Lizenzen vermelden. 7.310 Werke haben 2016 die deutsche Sprachgrenze verlassen. Allerdings ist die Tendenz rückläufig, 2007 waren es noch 10.000. Zunehmend sind die Verkäufe nur bei den Kinder- und Jugendbüchern, der wichtigsten Warengruppe für den Lizenzverkauf. Auch wenn die Zahlen zurückgehen: Der größte Handelspartner für das deutsche Verlagswesen ist seit vielen Jahren China. Knapp 20 Prozent aller Lizenz-Deals werden mit dem Reich der Mitte abgeschlossen. Und besonders gefragt waren bei den chinesischsprachigen Partnern auch im letzten Jahr Kinder- und Jugendbücher.


8. Wozu ein "Tag der Übersetzer"?
Übersetzen kann Entdeckerfreude befriedigen, eine Sisyphusarbeit sein, und für Verlage einträglich oder manchmal auch ruinös. Der beinahe insolvent gegangene Zweitausendundeins-Verlag beispielsweise zahlte eine große Summe für eine Übersetzung aus dem Chinesischen, die nie erschien. Übersetzen kann spannend und mysteriös sein wie bei der Entzifferung fremdartiger sprachlicher Codes, unbefriedigend wie bei vielen Synchron-Übersetzungen, welt- und lebensverändernd wie bei der Bibel-Übersetzung. Und es kann Menschen und Völker einander näher bringen, Frieden stiften. Im Mai 2017 haben die Vereinten Nationen den30. September als "International Translation Day" anerkannt. Am Hieronymustag, dem Tag der Übersetzer, soll man den großen Beitrag würdigen, den sie in allen Ländern zur Kultur leisten. Der Verband der deutschen Übersetzer weist auf seiner Webseite darauf hin: "Die Weltliteratur", so der portugiesische Schriftsteller und Nobelpreisträger Saramago, "wird von Übersetzern gemacht".

 

Autorin/Autor Sabine Peschel

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